Lindner-Hochzeit: Mit „Bild Live“ in der Fernseh-Hölle

Bei der „Traumhochzeit des Jahres“ von „Welt“-Journalistin Franca Lehfeldt und Bundesfinanzminister Christian Lindner hat „Bild Live“ alles gegeben. Und in viereinhalb Stunden Liveübertragung nichts geschafft. Ich habe mir das angetan – und livehaftig einen Blick in die Fernseh-Hölle erlebt.

Die „Bild Live“-Moderatorinnen Felicia „Feli“ Pochhammer und Janina Kirsch quälten sich und die Zuschauer viereinhalb Stunden lang durch die „Traumhochzeit des Jahres“

Punkt 15:30 Uhr startet das größte Live-Event der Welt, und Moderatorin Felicia „Feli“ Pochhammer ruft mir zu: „Schnallen Sie sich an! Lehnen Sie sich zurück! Holen Sie schonmal das Popcorn!“ Habe ich brav gemacht, und mich schon gleich zu Beginn verschluckt.

Denn ich hätte nicht erwartet, dass angeblich professionelles Boulevard-Fernsehen es wagen würde, seinen Zuschauern auf dem Feld seiner behaupteten Kernkompetenz einen solchen Schrott zu liefern. Die Ansage: „Unsere Reporter sind überall da, wo etwas passiert. Wir sind live dabei bei der großen Sause auf Sylt!“

„Bild Live“ hatte neun Fachkräfte aufgeboten, von denen nur zwei etwas halbwegs Sinnvolles beizutragen hatten. Ansonsten: Nonstop Nonsens und absolute Produktenttäuschung.

Beispiele? Gern:

Moderatorin Janina Kirsch zeigt auf einer Landkarte, was wo auf Sylt ist. Wir sehen zwei Vögel von der Kirche zur Sansibar fliegen, und Janina Kirsch sagt: „Jetzt fliegen die Turteltäubchen dann später in die Sansibar.“ Wie romantisch. Nur waren die beiden flatternden Turtel-Täubchen Turtel-Möwen.

Sind das Turtel-Täubchen? Nein, das sind Turtel-Möwen.

„Friedrich Merz kam übrigens mit seinem eigenen Privatjet“ – leider falsch: Ein „Jet“ ist ein Flugzeug mit Düsenantrieb. Die „Diamond DA62“, die Friedrich Merz gehört, ist eine Maschine mit zwei Propellerantrieben.

Friedrich Merz kam nicht in einem Jet, sondern in einer chicen Propeller-Maschine.

Wir sehen ein Foto von Armin Laschet und seiner Frau (vom Vortag) und hören: „Die meisten Promis sind schon auf der Insel. Bundeskanzler Olaf Scholz wird mit dabei sein, wir sehen ihn hier – auch den ehemaligen Herausforderer Armin Laschet mit seiner Ehefrau.“ Olaf Scholz haben wir nicht gesehen. Übrigens nicht während der gesamten viereinhalb Stunden.

Das ist nicht Olaf Scholz – den haben wir in der ganzen Sendung nicht gesehen.

Längere Zeit wird über die „Ankunft der Blumenmädchen“ spekuliert – und endlich kommen sie. Die drei sind aber ganz schön groß, tragen lange Kleider und entpuppen sich als Brautjungfern. Blumenmädchen gab es gar nicht.

Und dann, gegen 16:00 Uhr, der vorläufige Höhepunkt – die Braut! „Oh, da kommt sie!“, jubeln die Moderatorinnen aus Berlin, um dann schnell den Irrtum zu erkennen: „Nee, nee, nee …“ Die „Braut“ war ein Hotelangestellter, der einen großen Haufen weißer Wäsche vor sich über die Straße trug.

Das ist nicht die Braut – das ist ein Wäscheträger

Derweil steht die arme Bettina von Schimmelmann immer noch 50 Meter von der Kirche entfernt, klettert auf ihre kleine Leiter, guckt links, guckt rechts, und weiß auch nicht so recht: Ist Olaf Scholz eigentlich schon da? „Ich habe Olaf Scholz noch nicht gesehen.“ Dafür aber jede Menge Taxis. Da sie aber zu weit weg steht, kann sie nicht erkennen, wer da gerade ankommt. Außerdem muss sie ja auch immer in die Kamera gucken, und das ist die falsche Richtung.

Aber immerhin würde sie sich wünschen, dass auch mal ein paar Herren im „Kött“ kommen. Aber einen „Cut“ tragen offenbar nur Service-Mitarbeiter.

Dann, endlich, die einzige Reporter-Leistung des Tages: „Bild“-Reporter Julian Stähle hat vor dem Hotel „Severin’s“ die Braut erspäht. Sie wird in einem offenen Porsche Targa von ihrem Vater zur Kirche gefahren – und der arme Reporter muss dem Porsche hinterherrennen. Er liefert aber für kurze Momente das, was man als Boulevard-Reporter liefern muss: Bilder. Und gar keine schlechten. Nach ca. 45 Minuten endlich mal was zum Gucken, wenn auch nur kurz.

Das ist die Braut! Ihr Vater fährt sie zur Kirche. Die Bilder sind die einzige Reporter-Leistung des Tages: Julian Stähle rannte dem Wagen tapfer hinterher

Bettina Schimmelmann jubelt wenig später vor der Kirche: „„Jetzt kommt der Porsche Targa! Genau jetzt kommt der Porsche Targa! Er fährt genau hier auf die Kirche zu.“ Kann man so sagen – aber eigentlich geht es ja um die Braut. Die kommt. Und ist dann binnen Sekunden in der Kirche verschwunden.

Dann ist für über eine Stunde wieder nichts los, die Festgesellschaft in der Kirche, in der „ein Philosoph“ die Trau-Ansprache halten soll. Die „Bild“-Leute wissen leider nicht, dass diese Ehre Peter Sloterdijk zuteil wird.

Das muss ihnen die zugeschaltete frühere „Bunte“-Chefredakteurin Patricia Riekel erläutern. Die entpuppte sich schnell als die einzige, die an diesem Tag vom Geschäft wirklich etwas versteht. Sie kannte die Gäste, sie konnte das Kleid und das Wesen einer Hochzeit erläutern und fand die richtigen warmen Worte, die man als Boulevard-Junkie erwartet.

In der Kirche war „Bild“ leider nicht dabei. Die Profis hatten es auch versäumt, vielleicht mal ein paar Tage vorher wenigstens die leere Kirche zu filmen. Über die „Sansibar“, in der später gefeiert werden würde, hatten sie einen YouTube-Film eingekauft, der in Dauerschleife wiederholt wurde.

Um die Zeit zu überbrücken, tauchten jetzt seltsame „Experten“ auf: „Kult-Wedding-Planner“ Frank Mathée, genannt „Froonck“ (der alles offenbar sehr lustig fand), „Date-Doktor“ Emanuel Albert, „Astro-Legende“ Antonia Langsdorf und der seltsame „Medienpsychologe“ Prof. Dr. Joe Groebel. Ewiges Gelaber, das einen nicht wirklich weiterbrachte.

Um 17:39 Uhr – zwei Popcorn-Tüten sind schon leer – passiert wieder was: Die Tür der Kirche öffnet sich. „Jetzt kommen Sie raus! Es wird jetzt jede Sekunde das Brautpaar rauskommen!“ Es kommen aber nur Gäste raus, von denen niemand weiß, wer das eigentlich ist. Wolfang Kubicki, ok – er prostet aus 50 Metern in die Kamera. Oder der lange da – das ist doch Friedrich Merz. Und dann noch ein Highlight – die Moderatorin aus Berlin fragt die Reporterin vor Ort: „Bettina, kann es sein, dass da gerade Alfred Biolek? … nee, nee! Naja. Wir machen einfach weiter.“ Nee, kann wirklich nicht sein: Der ist vor einem Jahr gestorben.

Nein, das ist nicht Alfred Biolek – der ist leider schon seit einem Jahr tot

Die Zeit vergeht und vergeht, das Popcorn ist alle und mir schwillt langsam der Kamm. Die Hochzeitsgäste stehen ewig herum, trinken Champagner im Wind. Kein Mensch erklärt mir irgendwas. Nur dummes Zeug. Dann, juhuu, nach rund 50 Minuten Wartezeit, kommt das Brautpaar. „Da sind sie – Mann und Frau!“ Christian Lindner winken kurz, setzen sich (verdeckt von Fotografen, die nicht für „Bild“ arbeiten“) in ihren Porsche und verschwinden.

Das war’s. Die Sendung geht noch bis 20:00 Uhr. Es passiert nichts. Ich weiß nichts. Ich habe nichts erfahren. Von 270 Minuten Sendezeit habe ich 3:30 Minuten die Braut oder das Brautpaar gesehen. In 98,7 Prozent der Sendezeit habe ich nicht das bekommen, was mir versprochen wurde. Aber Moderatorin Janina Kirch meint: „Wir haben den ganzen Tag die Hochzeit verfolgt – wunderschöne Momente.“ Nein, es war das nackte Grauen.

Offenbar haben auch die zwei „Bild“-Kollegen, die vom Brautpaar tatsächlich eingeladen waren, nichts durchsickern lassen. Was hat Sloterdijk gesagt? Was die Pastorin? Was gab es in der „Sansibar“ zu essen, was für Musik? Das nichtsende Nichts.

Nena Schink in der „Sansibar“ – wie es da aussah, durften „Bild Live“-Zuschauer nicht sehen. – Foto: Instagram nenaschink

Immerhin postete „Bild Live“-Super-Star-Moderatorin Nena Schink auf ihrem privaten Instagram-Account später ein Foto, das ihren Rücken und silberne und goldene Luftballons in der „Sansibar“ zeigt. Zum Angeben hat’s gereicht – „Bild“ hatte von ihrer Anwesenheit dort gar nichts. Dafür bleibt sie mit der Franca und dem Christian befreundet. Darauf kommt’s an, die Zuschauer sind doch egal. So wird man wahrscheinlich Lieblings-Kollegin.

Wer das ganze Drama noch einmal sehen will – hier, bitte:

Die YouTube-Version von „Bild Live“ ist gekürzt – es wurde von 15:30 Uhr bis 20:00 Uhr gesendet. Am Ende wurde nur noch wiederholt.

4 Antworten

  1. Wunderbar! Oder Sansibar, der letzte Grund, dabei nicht zugeguckt zu haben. Zum Fremdschämen über „Kollegen“ hat auch Ihre Reportage gereicht, Herr Streiter. Vielen Dank dafür.
    Die Pastorin Zingel ist übrigens sehr zugänglich und hätte sicher nichts dagegen gehabt, wenn jemand aus ihrer Ansprache ans Brautpaar zitiert hätte. Ich bin mir sicher, dass das gehaltvoll war. Ich gehe gerne dort in die Kirche, wenn sie Predigt.

  2. Lieber Georg Streiter – meine Vorschläge:
    a) Von BILD Schadensersatz für das verschlungene Popcorn verlangen
    b) Schmerzensgeld in angemessener Höhe für vergeudete Zeit und enttäuschte Erwartungen

    Ihr Ex-Bonner Kollege
    HD Weber

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