„BILD LIVE“ bald im Fernsehen: Banales, Blödsinn und Propaganda im „007“-Format

Von August an will „BILD“ auch ein Fernsehsender sein. Was bisher nur im Online-Livestreaming zu sehen war, kommt jetzt als „richtiges“ Fernsehen ins Haus. Was bisher gesendet wurde und was jetzt angekündigt wird, lässt ahnen: Banales, Blödsinn und Propaganda im „007“-Format. Eine Mischung aus Größenwahn und Unvermögen offenbart eine Lücke zwischen Anspruch und Wirklichkeit.

Axel Springer investiert derzeit Millionen in ein Projekt, dessen Zukunftsfähigkeit bezweifelt werden kann: Lineares Fernsehen ist etwas für alte Leute wie mich, die der Generation der „Boomer“ angehören. Falls junge Leute überhaupt noch einen Fernseh-Apparat haben, nutzen sie ihn meist zum Streamen von „Netflix“ oder „Amazon prime“. Ob man da noch in einen Sender investieren soll, kann man schon hinterfragen, wenn sich selbst die eher lahmen öffentlich-rechtlichen Sender in Apps und Mediatheken und Streaming-Diensten ihre Reichweite zu bewahren suchen.

Was wir vom neuen Sender „BILD LIVE“ zu erwarten haben, konnte man bisher schon im online-Streaming über „bild.de“ sehen. In der vergangenen Woche nun stellte „BILD“ seine Fernseh-Pläne auf den „Screenforce Days 2021“ in Köln öffentlich vor. Mit einem Werbe-Trailer, der eine an Selbstüberschätzung leidende Laienspielschar präsentiert, die sich erkennbar beherrschen muss, nicht über sich selbst lachen zu müssen – man kann auch sagen: ganz großes Angeber-Kino.

Mit diesem Werbefilm stellt sich BILD LIVE seinen Werbekunden vor

Flankiert wurde die Präsentation durch eine Pressemitteilung von Axel Springer, in der der neue große Fernseh-Macker von „BILD LIVE“, Claus Strunz, in wirren Worten die Einmaligkeit des neuen Senders beschreibt. Man muss es zweimal lesen, um es nicht ganz zu verstehen:

Hier klicken, um die vollständige Pressemitteilung von Axel Springer vom 14. Juni 2021 zu lesen

„BILD ist Fernsehen, das LIVE Schlagzeilen macht. Unsere ‚Mission 007‘ – Double-O Seven – für das deutsche Fernsehen lautet: Ongoing News und Opinion, 24/7 live-haftig. Wenn in Deutschland oder der Welt etwas passiert, das unsere Zuschauer bewegt, sind wir mit Breaking News live. Nicht nur mit der exklusiven Nachricht, sondern wir zeigen auch, was sie bedeutet, warum sie für uns und die Zuschauer wichtig ist. BILD zeigt, was WIRKLICH ist.“

Hä?

Was denn nun? Null null sieben? Mit der Lizenz zum Töten?

Oder Oh Oh sieben (O-ngoing News und O-pinion)? Und also doch nicht 7, sondern 24/7?

Und was ist eigentlich „live-haftig“? Sowas ähnliches wie „leibhaftig“? Tritt bei „BILD LIVE“ etwa der Leibhaftige auf?

Vielleicht meinte Claus Strunz seine eigenen Auftritte, früher im Frühstücksfernsehen von SAT1, jetzt bei „BILD LIVE“. Das kann schon sein, denn Strunz ist der Bote des Untergangs. Wenn er spricht, dann ist Schreckliches gegenwärtig: Behördenversagen, Totalschaden, Staatsversagen, Kontrollverlust, Schande, Schwachsinn, Skandal, Mainstream-Sonnenblumen-Multikultler, Angst, Hass, Gefahr. Und natürlich: „Alles, was man bisher befürchten musste, ist in Wirklichkeit noch viel schlimmer.“

„Populismus mit Claus Strunz“ – eine Zusammenstellung von „Übermedien“ vom 30.8.2017

Strunz, der vor der AfD warnt, indem er deren Vokabular benutzt. Er ist ein Populist, und findet das auch gut so: „Ich finde, Populismus ist das Viagra einer erschlafften Demokratie“, gab er bei Sandra Maischberger zum Besten.

Claus Strunz vergreift sich auch gern mal im Ton. Niemand ist gezwungen, Angela Merkel zu mögen. Wenn man sie aber „Frau Murksel“ nennt, dann ist das AfD-Sprache.

Frühstücksfernsehen Januar 2018: Strunz nennt Bundeskanzlerin Angela Merkel in bestem AfD-Sprech „Frau Murksel“

Bei „BILD LIVE“ meinte Strunz am 22. März 2021: Man solle weniger über die Mutante des Corona-Virus reden, sondern mehr über die „Tante im Kanzleramt“. Auch solche – vorsichtig ausgedrückt – Respektlosigkeiten gegenüber Verfassungsorganen sind die Spezialität der Hetzer von der AfD.

Strunz neigt auch zur irren politischen Analyse. Als sich Armin Laschet im Januar bei der Wahl zum Vorsitzenden der CDU gegen Friedrich Merz durchsetzte, zog Strunz daraus die intelligente Schlussfolgerung: Merz müsse jetzt in die FDP eintreten. Wer sowas sagt, hat – sorry – den Verstand verloren. Das sahen übrigens auch Friedrich Merz und FDP-Chef Christian Lindner so. Die sind ja nicht blöd, jedenfalls nicht so blöd.

Klar ist jedenfalls: „BILD“ geht es nicht nur um Nachrichten („Ongoing News“), sondern eben ausdrücklich auch um die Verbreitung der eigenen Meinung („Opinion“). So steht es ja in der Pressemitteilung. Da werden wir noch viel von Claus Strunz hören und sehen,

Und was macht „BILD LIVE“ derzeit sonst so? Was dürfen wir von dem neuen Fernsehsender „live-haftig“ erwarten?

Um auch mal zu loben: Sie haben Durchhaltevermögen. Als sich am 19. April die CDU zu ihrer Vorstandssitzung traf, um darüber zu entscheiden, ob der Vorsitzende Armin Laschet auch Kanzlerkandidat der Union werden soll, war „BILD LIVE“ das einzige Medium das über sieben Stunden lang durchgehend berichtete. Natürlich mit viel Leerlauf, aber stets gefüttert mit Informationen, die Sitzungsteilnehmer der Redaktion per SMS schickten. Eine lange Zeit, aber ich als Hardcore-Politikrentner mit viel Zeit habe mir das angeguckt. Hatte aber auch das Gefühl, dass es nicht sooo viele Zuschauer gewesen sein konnten.

Manchmal muss man „BILD LIVE“ auch mal loben

Obwohl: Axel Springer gibt an, dass Sendungen wie die BILD LIVE Berichterstattung zur US-Wahl „bis zu über 1,2 Millionen Live Views“ hatten – „dazu kommen mehrere Millionen Videoviews auf Abruf.“ Das ist eine stolze Zahl – auch wenn „Live Views“ nicht unbedingt heißt, dass die Leute länger dabeigeblieben sind. Eine Sekunde reicht, um gezählt zu werden.

Manche Dauersendung geht aber auch gründlich in die Hose. Zum Beispiel als Anfang Februar „BILD“ sich für ein „historisches Schnee-Chaos“ rüstete. Tagelang vorher wurden schon Katastrophen-Berichte aus dem „Jahrhundertwinter“ Dezember 1978 und Februar 1979 recycelt. Am 7. Februar 2021, so dramatisierte „BILD“ die Wettervorhersage, werde es wieder so kommen. Und schickte in ganz Deutschland seine Reporter in den Schnee.

Sieben Stunden und 17 Minuten Schnee live bei „BILD LIVE“ am 7. Februar 2021 – passiert ist aber eigentlich nichts

Über sieben Stunden berichtete „BILD LIVE“ und es passierte – wenig. Also ja, es schneite, es war bitterkalter Winter. Aber „BILD LIVE“ hatte außer gesperrten Autobahnen, hier und da einem festgefahrenen Streifenwagen oder einer festgefahrenen Straßenbahn oder einem quergestellten Bus nichts zu bieten außer frierende Reporterinnen und Reporter, die sich warmquatschten. Merke: „BILD LIVE“ bringt zwar die Kraft auf, flächendeckend zu berichten. Wenn aber nichts passiert, bringt „BILD LIVE“ nicht die Kraft auf, den Unsinn zu beenden.

Der Drang zur Wichtigkeit und Einmaligkeit führt zu „Fernseh“-Momenten, die ihren Weg in Satire-Sendungen anderswo finden werden. Zum Beispiel „BILD LIVE“-Reporter Peter Wilke, der sich am 29.8.2020 bei der Demonstration der Anti-Corona-Schwurbler in Berlin fragte, warum Demonstranten von „Harry Krischner“ gesungen haben. Man kann von einem so jungen Reporter nicht unbedingt verlangen, dass er die Hare-Krishna-Bewegung kennt, die in den 1970er Jahren bei unseren Hippies angesagt war. Man kann aber von einem „Sender“, der ernst genommen werden will, erwarten, dass irgendwo in der Redaktion jemand sitzt, der weiß (und sagt), was das ist. So ungefähr jedenfalls.

Wer, verdammt, ist dieser Harry Krischner?

Peinlicher ist, dass „BILD LIVE“ am eigenen Anspruch scheitert, die Öffentlich-Rechtlichen ernsthaft anzugreifen. Seit Mai hat „BILD“ neben dem hauseigenen Propaganda-Minister Filipp Piatov („Head of Opinion“) nun auch einen „Chefkorrespondenten Medien“, der mit anderen Kollegen die Aufgabe hat, ARD und ZDF zu kritisieren, madig zu machen und den geneigten „BILD“-Kunden zu einem künftigen „BILD LIVE“-Seher zu machen. Natürlich machen ARD und ZDF auch genug Fehler – aber „BILD“ ist eine Boulevard-Zeitung und kein Medien-Magazin. Hier werden eigene Geschäftsinteressen verfolgt.

So mandelt sich „BILD“ zur Alternative von ARD und ZDF auf, sozusagen zur Af(AR)D.

Wenn es aber wirklich auf aktuelle Informationen ankommt, guckt man mit „BILD LIVE“ dann doch ins echte Fernsehen: Als am 6. Juni 2021 in Sachsen-Anhalt ein neuer Landtag gewählt wurde, saßen im „BILD“-Studio u.a. „BILD“-Vize Paul Ronzheimer und „BILD LIVE“-Chef Claus Strunz zusammen und diskutierten darüber, ob die AfD wohl stärkste Kraft werden würde.

„Wahl-Alarm“ am 6. Juni 2021, ein paar Sekunden vor 18 Uhr, bei „BILD LIVE“ – wir schalten um ins „BILD“-Wahlstudio“ …

Kurz vor 18 Uhr wurde dann ins „BILD-Wahlstudio“ umgeschaltet – wo Moderator Kai Weise neben zwei Monitoren stand, auf denen das Programm von ARD und ZDF lief. Zur 18-Uhr-Prognose des Wahlergebnisses schwenkte dann die Kamera im „BILD-Wahlstudio“ um auf den Monitor, der die Prognose der ARD zeigte. Selbst bei Axel Springer hat manch einer das als Offenbarungseid gesehen.

… und sehen die ARD-Wahlprognose, präsentiert von „BILD“

Das Heischen um Aufmerksamkeit für „BILD LIVE“ ist manchmal auch richtig bizarr. Am 20. Juni 2021 kam SPD-Kanzlerkandidat zu „BILD“-Vize Paul Ronzheimer in die Sendung „Die richtigen Fragen“, die auch als „BILD-Verhör“ bezeichnet wurde.

Ronzheimer zog sich aus dem Nichts plötzlich einen Indianer-Federschmuck an und fragte Scholz: „Wäre das in Ordnung für Sie? Ist das rassistisch?“. Ein „BILD“-Beitrag zur „Indianer-Debatte“. Scholz etwas perplex: „Ich glaube nicht. Ich weiß nicht, was Sie sich gerade dabei denken, aber es wirkt nicht so.“

Hier klicken, um das Video zu sehen!

Natürlich war eine der „richtigen Fragen“ auch die nach dem Lieblings-Schlumpf von Olaf Scholz. Eine Anspielung auf CSU-Chef Markus Söder, der Scholz im März in einer Sitzung angefahren haben soll: „Sie brauchen nicht so schlumpfig zu grinsen!“ Um dieses wichtige Thema abzufragen, baute Ronzheimer drei Schlumpf-Figuren vor sich aus und fragte Scholz: „Mögen Sie Schlümpfe? Und welcher von diesen drei Schlümpfen würde Ihnen am besten gefallen?“

Hier klicken, um das Video zu sehen!

Solche schönen Dinge werden wir also künftig auch im „richtigen“ Fernsehen und nicht nur auf „bild.de“ sehen. Wenn die Medienanstalt Berlin-Brandenburg die Genehmigung erteilt. „BILD“ rechnet mit einem Start offenbar im August. Jedenfalls kann man für die Zeit ab August schon jetzt Werbespots buchen.

Und wer soll das nun alles gucken? Das frage ich mich auch: Die Hauptsendung („Ankersendung“) von „BILD LIVE“ soll eine tägliche „News-Show“ sein, die montags bis freitags von 9 bis 14 Uhr gesendet wird: „Die Moderatorinnen und Moderatoren im Studio sowie BILD Reporter vor Ort verfolgen bei BILD LIVE jede Stunde ein aktuell laufendes Top-Thema, das mit Experten und Zuschauern in Interviews und Talks meinungsstark debattiert wird und so live zur exklusiven Schlagzeile wird.“

Rentner wie ich haben da natürlich Zeit. Es soll aber auch Leute geben – gerade in dem für die Werbung wichtigen Alter zwischen 14 und 49 Jahren -, die in der Zeit von 9 bis 14 Uhr arbeiten oder zur Schule gehen müssen. Die scheinen nicht zur Kern-Zielgruppe von „BILD LIVE“ zu gehören.

2 Antworten

  1. Sehr schön zusammengefasst! Ich glaube, im TV nutzt sich ewiges Bohei um nichts oder wenig noch schneller ab. Wer soll sowas gucken? Die Konsumenten wertvoller Verbrauchertipps wie „Warum Popeln gefährlich ist“? Das war tatsächlich eine Schlagzeile Anfang Juni (Antwort: Infektionsgefahr) mit Farbfoto einer Popelnden, das mag in Großbuchstaben eine Seite füllen, aber nicht mehr als eine Sendeminute. Natürlich ist „Opinion“ das eigentliche Zugpferd, man wird die hetzerischsten aller Beiträge als Konsumentengerechte (2-3 Minuten lange) Clips bei Youtube wiederfinden, von wo sie sich leicht verbreiten, auch bei Jüngeren, die dieses Drecksblatt gar nicht lesen, hier liegt die eigentliche Gefahr und wohl auch die Intention der Macher, die wissen, dass Print nicht tot ist, aber nachts dreimal raus muss. DAS führt zu noch mehr Desinformation im Netz, zu noch mehr Verunsicherung, welchem Medium man trauen kann, von regelmäßig desavouierten Politikern ganz zu schweigen. Man kann im Sinne der Demokratie nur hoffen, dass es sich um eine möglichst kostspielige Totgeburt handelt.

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