„Bild“: Das neue Zentralorgan AfD-wählender Wutbürger

Die Politiker quälen unsere Kinder mit Corona-Lockdown. Die Meinungsfreiheit ist abgeschafft. ARD, ZDF und die großen Zeitungen belügen uns. Und wenn ein ISIS-Terrorist mitten in Deutschland drei Menschen ermordet, wird das verschwiegen. Das ist die Gedankenwelt des AfD-wählenden Wutbürgers. Das ist die Welt, die „Bild“ uns beschreibt. Gut drei Monate nach seiner Rückkehr hat Chefredakteur Julian Reichelt mit seiner Handvoll Getreuen aus „Bild“ das neue Zentralorgan AfD-wählender Wutbürger gemacht.

Man muss Julian Reichelt zugestehen, dass er Politikern der AfD keinen Raum in „Bild“ gibt. Aber er ist, um einmal sein Lieblingsschimpfwort für Kritiker zu verwenden, bigott. In „Bild“ müssen AfD-Politiker gar nicht zu Wort kommen, denn „Bild“ selbst spricht die Sprache der AfD. Die Strategie Reichelt und die Methode AfD sind weitgehend gleich: Vertrauen in den Staat zerstören. Vertrauen in Politiker zerstören. Vertrauen in die Medien zerstören. Wut, Hass und Angst verbreiten. Jeglichen Respekt vor „denen da oben“ zerstören. Alles so viel wie möglich. Und ja: Merkel ist an allem schuld, Merkel muss weg. Man kann es nicht oft genug schreiben, auch wenn das Ende ihrer Regierungszeit seit langem absehbar ist. Denn sie ist ja an allem Unheil schuld.

Ist das übertrieben? Ich glaube nicht und denke, dass man ganz gut belegen kann, wie Reichelts Hofschreiber so gut wie jeder Geschichte zum Thema Politik und Gesellschaft einen unanständigen Drall geben.

Fangen wir mal ganz klein an. Am 25. Juni berichtet „Bild“: „Fans dürfen nicht – aber Merkel fliegt nach London“. Auch wenn die meisten Menschen eh nur die Überschrift lesen, wird zu Beginn des Textes schon mit dem Holzhammer klargemacht, dass das natürlich eine Sauerei sein muss: „Eine darf – alle anderen nicht! Am Freitag fliegt Bundeskanzlerin Angela Merkel (66, CDU) nach London … Tausende Deutsche würden auch gern nach London fliegen, um am Dienstag die Nationalmannschaft beim EM-Spiel in London gegen England zu unterstützen. Sie dürfen aber nicht …“. Zwar wird im weiteren Text dann erklärt, warum Merkel darf, was wir nicht dürfen – aber wer liest schon mehr als drei Sätze?

Sieht aus wie eine Sauerei, ist aber gar keine – aber wer liest schon den Text?

Hauptsache, es bleibt irgendwie der Subtext hängen, dass wir in einer Merkel-Diktatur leben, in der die Diktatorin selbstherrlich Sonderrechte für sich beansprucht.

„Bild“ kann aber auch ganz groß. Zum Beispiel, wenn die FAZ am 16. Juni eine Umfrage des Instituts für Demoskopie Allensbach veröffentlicht. Auf die Frage „Haben Sie das Gefühl, dass man heute in Deutschland seine politische Meinung frei sagen kann, oder ist es besser, vorsichtig zu sein?“ gab es erschreckende Antworten: Zwar sagten 45 Prozent, man könne seine Meinung frei sagen – aber fast ebenso viele, 44 Prozent, widersprachen.

Über eine solche Umfrage muss man berichten, ohne Zweifel. „Bild“ hat sich dann entschlossen, das Gefühl der Zweifler zu befeuern, und am 18. Juni die Seiten eins bis drei dafür frei geräumt: „Wir lassen uns die Meinungsfreiheit nicht verbieten“, hieß die Schlagzeile, und auf den Seiten zwei und drei wurde „Das Gefühl Maulkorb“ in epischer Breite geschildert. Gut, dass Heino endlich mal sagen darf: „Ich lasse mir Zigeunersauce nicht verbieten“. Und ein Polizist namens Thomas Mohr bekennt mutig: „Ich werde mich niemals umbenennen“. Das hat allerdings auch noch niemand von ihm verlangt.

Das kann man so machen, man sollte es aber nicht. Vor allem sollte man dann nicht noch einen Kommentar daneben stellen, in dem unter der Überschrift „Wir riskieren die Demokratie“ gesagt wird: „… Für unsere Demokratie birgt das ein fatales Risiko. Wir laufen gerade Gefahr, die Hälfte unseres Landes abzukoppeln. Wer sich nicht mehr gehört und respektiert fühlt, der wendet sich ab. In vielen Fällen leider für immer. Der perfekte Nährboden für Radikale. Um das zu verhindern, müssen wir endlich Ross und Reiter benennen. Jeden Abend suggerieren die öffentlich-rechtlichen Nachrichten, dass „Gendern“ die einzig richtige Art zu sprechen ist. … Sie bezahlen für einen Rundfunk, der ihre Lebensrealität immer weniger abbildet.“

Der Subtext heißt: Im August, wenn endlich der neue Fernsehsender „BILD LIVE“ startet, ist Schluss mit der Gängelung.

Schon wieder eine Mission erfüllt: Der böse öffentlich-rechtliche Rundfunk gefährdet die Demokratie.

Aber natürlich nicht ARD und ZDF allein – es ist alles noch viel schlimmer. Am Ende des Kommentars werden nochmal alle beschuldigt: „Ich sage es noch mal: Wir verlieren die Menschen für Demokratie, wenn wir so weitermachen. Medien, Politiker, Behörden müssen Meinungsfreiheit (Art. 5 GG) endlich leben. Mit vollem Herzen.“

Hier heißt der Subtext: Medien (außer „Bild“), Politiker und Behörden gefährden die Demokratie.

Das finden die in der Wahlkampfzentrale der AfD sicher ganz super.

Auch ein Kommentar der neuen Kollegin Lydia Rosenfelder in der Ausgabe vom 29. Mai dürfte bei der AfD gut angekommen sein. Die Autorin wechselte zum 15. März vom „Spiegel“ zu „Bild“, schreibt sich die Finger wund gegen Corona-Maßnahmen, die nach ihrer Überzeugung vor allem Kindern und Familien schaden. In diesem Kommentar behauptet sie: „Die Bundesregierung interessiert sich nur dann für Schulen und Kitas, wenn es darum geht, sie möglichst schnell zu schließen … die Parteien machen Politik vor allem für Ältere.“ Und dann schreibt sie: „Eltern haben keine Lobby. Viele sind verzweifelt und enttäuscht. Sie haben im vollgepackten Alltag nicht viel Zeit, um auf die Straße zu gehen. Aber sie können wählen. Am 26. September.“

„Bild“-Kommentar vom 29. Mai 2021: Verzweifelte Eltern können eigentlich nur AfD wählen

Das könnte man als einen verkappten Wahlaufruf für die AfD verstehen. Denn: Alle anderen im Bundestag vertretenen Parteien sind in der Bundes- oder einer der Landesregierungen vertreten, tragen also alle Maßnahmen gegen Corona mit. Die alle machen also Politik gegen Familien und Kinder. Bleibt nur die AfD, oder wen sonst soll man am 26. September wählen?

Ganz groß und knallhart steigt „Bild“ natürlich ein, wenn es um das Großthema Ausländer geht. Da kann man das AfD-Wutbürger-Klientel am besten bedienen. Und weiter an der Legende stricken, an der auch die AfD sich abarbeitet: Wie Angela Merkel persönlich Attentäter und Messermörder ins Land geholt hat und jetzt die blutigen Folgen verschweigt.

Nur 19 Stunden nachdem der Somalier Abdirahman J. am 25. Juni in Würzburg gegen 17 Uhr drei Menschen grausam mit einem Messer ermordet hatte und die Ermittlungen auf Hochtouren liefen, hat „Bild“ den Fall schon gelöst und einen Schuldigen gefunden: Es war ein islamistischer Terror-Anschlag, und das Bundekanzleramt verschweigt das.

Die Erfindung eines Schweigekartells funktioniert bei „Bild“ so: Regierungssprecher Steffen Seibert twittert am 26. Juni um 12 Uhr zum Fall in Würzburg. Da noch keinerlei Ermittlungsergebnisse mitgeteilt worden sind, formuliert Seibert vorsichtig: „Die Ermittlungen werden ergeben, was den Amokläufer von #Würzburg antrieb. Sicher ist: Seine entsetzliche Tat richtet sich gegen jede Menschlichkeit und jede Religion. Alle Gedanken und Gebete sind heute bei den Schwerverletzten und den Familien der Opfer in ihrem Schmerz.“

Um 12:53 Uhr konstruiert „Bild“-Chefideologe Filipp Piatov, ebenfalls auf Twitter, daraus eine erste Anklage: „Warum spricht der Regierungssprecher von einem „Amokläufer“, obwohl die Ermittler bereits Hinweise auf einen islamistischen Tathintergrund haben?“

Hier legt der „Bild-Meinungschef“ den Grundstein für eine Verschwörungslegende

Die Antwort hätte Piatov sich selber geben können, aber die hätte natürlich nicht ins „Bild“-Konzept gepasst: Ein Regierungssprecher kann nur sagen, was er sicher weiß. Am Samstag um 12 Uhr gab es aber eben keine amtliche Mitteilung der Ermittlungsbehörden, die das, was Piatov behauptet, belegt hätten. Die „Hinweise“ beschränkten sich auf einen „Spiegel“-Artikel, in dem davon die Rede ist, dass der Täter seine Tat als seinen „persönlichen Dschihad“ bezeichnet habe. Und darauf, dass Zeugen gehört haben wollen, der Täter habe „Allahu Akbar“ gerufen. Ein „Spiegel“-Artikel mit der einzige Quelle „Spiegel-Informationen“ ist für einen Amtsträger wie den Regierungssprecher keine Quelle. Und „Allahu Akbar“ rufen zwar islamistische Attentäter immer bei ihren Anschlägen – Millionen gläubige Moslems rufen „Allahu Akbar“ aber auch jeden Tag fünfmal beim Gebet. Man kann allenfalls daraus schließen, dass die Tat irgendetwas mit Religion zu tun hat.

Natürlich musste Piatov ganz im Sinne der „Bild“-Strategie noch eine Attacke gegen den öffentlich-rechtlichen Rundfunk reiten. Auch via Twitter ging er die „Tagesschau“ an: „Bizarr, dass Stunden zuvor bekannt gewordene Informationen über „Allahu Akbar“-Rufe und die Erklärung des Täters, einen „Dschihad“ verwirklicht zu haben, in der Tagesschau mit keinem Wort erwähnt wurden.“ Bizarr ist eher, auf welch dünner Basis „Bild“ einen islamistischen Terroranschlag konstruiert. Aber, so der Subtext: Wenn „BILD LIVE“ erstmal als Fernsehsender aktiv ist, ist endlich Schluss mit dem Verschweigen und Vertuschen des Staatsfunks. Schöne Grüße an die AfD.

Dieser Piatov-Tweet gefällt der AfD: Nicht nur die Regierung, auch die öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten verschweigen Terror

Heute, eine gute Woche nach der Tat, wissen wir ein bisschen mehr über den Täter: Zum Beispiel, dass er offenbar psychisch schwer krank ist, und ja, dass er seine Tat als seinen persönlichen Dschihad bezeichnet hat und in einem Mülleimer islamistisches „Propaganda-Material“ gefunden wurde. Was auch immer das war.

Das ist auch heute noch relativ wenig – aber das hinderte auch „Bild-Terrorexperte“ Björn Stritzel nicht, schon einen Tag nach der Tat auf allen „Bild“-Kanälen seine Story vom „ISIS-Terroranschlag“ zu erzählen. Ermittelt oder gar nachgewiesen war zu dem Zeitpunkt – nichts.

„Bild-Terrorexperte“ weiß schon Stunden nach der Tat, was die Ermittler bis heute nicht wissen: Es war ein ISIS-Terroranschlag. Na klar!

Einen weiteren Tag später, am Sonntag, 27. Juni, zeigte „Bild am Sonntag“ seine Kernkompetenz und druckte als Titelgeschichte ein Foto des Attentäters. Da konnte man dem irren Mörder ins Gesicht gucken.

Die inzwischen geschwärzte Schlagzeile der „Bild am Sonntag“ vom 27. Juni 2021. Der gezeigte Mann war nicht der Täter.

Nur stellte sich leider wenig später heraus, Dass die BamS den falschen Mann gezeigt hat. Das Titelbild musste geschwärzt werden, heute veröffentlichte „Bild am Sonntag“ immerhin eine große fünfspaltige Entschuldigung auf Seite eins. „Bild“-Chef Julian Reichelt hat Schwein gehabt: Die Verantwortung für die größte Entschuldigung, die „Bild am Sonntag“ je druckte, musste seine Co-Chefin Alexandra Würzbach übernehmen, die zugleich BamS-Chefredakteurin ist.

„Bild am Sonntag“ vom 4. Juli 2021 – die größte Entschuldigung, die BamS je drucken musste.

Tagelang noch strickte „Bild“ an seiner Geschichte weiter, dass das Bundeskanzleramt, die Regierung, die Politiker und die Gutmenschen die Bedrohung durch islamistischen Terror in Deutschland klein reden, verharmlosen, verschleiern, verschweigen. Die AfD sagt danke.

Und weil das alles noch nicht reicht und um noch „crossmedial“ ordentlich Werbung für den Start von „BILD LIVE“ als Fernsehsender zu machen, bemüht „Bild“ dann noch den österreichischen Bundeskanzler. Am 1. Juli, auf Seite 3, lesen wir: „Kurz spricht aus, was wir uns nicht trauen!“ Der Text läuft unter der für die gedruckte Zeitung neuen Rubrik „BILD LIVE“ (mit rotem Rand) und erweckt beim flüchtigen Leser den Eindruck, dass der österreichische Bundeskanzler etwas zu den Morden von Würzburg sagt. Etwas, was wir uns hier nicht trauen.

„Bild“ vom 1. Juli 2021: Wenigstens der österreichische Bundeskanzler spricht Klartext (nur nicht zum Mörder aus Würzburg)

Da wird leider ein falscher Eindruck erweckt. Der Text ist einem „BILD LIVE“-Video entnommen. Und in dem Live-Interview sagt Kurz kein einziges Wort zu Würzburg. Er lehnt es sogar ausdrücklich ab: „Der Fall in Deutschland, da bitte ich um Verständnis, dazu kann ich wenig sagen, ich beobachte das nur aus der Entfernung. Da sind die deutschen Politiker sicher besser informiert und berufener, dazu Stellung zu nehmen.“

Hier klicken: „Exklusiv“ sprich Österreichs Bundeskanzler bei „BILD LIVE“ über den Mörder von Würzburg – nicht

Der Moderator setzt verzweifelt noch einmal nach und fragt: „Wann spricht man endlich darüber, dass es eine Verbindung zum Islamismus gegeben hat? Stellen Sie fest, dass die deutsche Debatte verdruckst/verschroben ist?“ Kurz bleibt hart: „Das weiß ich nicht, ich beobachte die Deutsche Debatte hier nicht im Detail.“ Und gibt dann doch ein kleines bisschen nach, wohl um seinem persönlichen Freund, „Bild“-Vize Paul Ronzheimer (der ein Buch über Kurz geschrieben hat) ein bisschen entgegenzukommen: „Ich kann nur sagen: In Österreich ist mir wichtig, dass die Fakten ausgesprochen werden.“ Fakten, die in Deutschland natürlich verschwiegen werden. Der AfD-Subtext heißt: Merkel hat die Flüchtlinge ins Land geholt, die uns jetzt alle ermorden.

Ach ja, und noch eine „Bild“-Geschichte werden AfD-Anhänger interessiert gelesen haben: Am 15. Juni fragt „Bild“ nach einem Volksentscheid in der Schweiz: „Warum dürfen wir nicht über Klimaschutz abstimmen?“ In Text und Kommentar wir dann schon erklärt, warum das in Deutschland nicht vorgesehen ist. Aber warum eigentlich wird diese Frage als wichtigstes politisches Thema des Tages zum Aufmacher auf Seite 2? Ein Thema, das sich auf Seite 13 des AfD-Wahlprogramms wiederfindet:  „Die AfD fordert Volksentscheide nach Schweizer Modell auch für Deutschland. … Die Einführung von Volksabstimmungen nach Schweizer Modell ist für die AfD nicht verhandelbarer Inhalt jeglicher Koalitionsvereinbarungen …“

Vor fast einem Jahr, am 28. Juli 2020, ist Michael Spreng gestorben, der lange auch bei „Bild“ gearbeitet hat und von 1989 bis 2000 Chefredakteur der „Bild am Sonntag“ war. Dort und vorher beim Kölner „Express“ war er lange Jahre mein Chefredakteur. Ein Boulevard-Mann durch und durch, beinhart mit einem durchaus konservativen klaren Kompass und immer ebenso klarem Urteil. Spreng hatte schon bald nach der Machtübernahme von Julian Reichelt bei „Bild“ den neuen Kurs des Blattes kritisiert: „Es vergeht kaum ein Tag, an dem die Bild-Zeitung nicht versucht, die Institutionen und Repräsentanten des Staates verächtlich zu machen und ihre Leser gegen sie aufzuhetzen … seit Monaten bespielt Bild die politische Agenda der AfD.“ Die Reichelt-„Bild“ mache sich damit „freiwillig oder unfreiwillig zur Vorfeldorganisation der AfD“ und beschere ihr weiteren Zulauf.

In diesem Blog „Wiedervorlage“ hatte ich im Dezember 2018 die Befürchtung geäußert, dass Spreng auch hier recht hat. Heute weiß ich: Er hatte recht. Wie eigentlich immer. Noch mehr als damals. Seine Stimme fehlt heute ganz besonders.

Eine Antwort

  1. „Machtübernahme“ bringt es auf den Punkt. Julian Reichelt ist ein journalistisch und intellektuell minderbegabter Opportunist, der um des eigenen Vorteils Willen seine eigene Großmutter verkaufen würde. Axel Cäsar hätte ihn schon nach wenigen Wochen hochkant rausgeschmissen…

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