Elbphilharmonie: Meine bösen Wünsche und ein chaotischer Abend mit der Kanzlerin

Vor fünf Jahren wurde die Elbphilharmonie in Hamburg eröffnet. Ich wollte unbedingt dabei sein – und zum Jahrestag wird es Zeit für ein spätes Geständnis: Ich habe damals Regierungssprecher Steffen Seibert alles Böse gewünscht, wofür ich auf Absolution hoffe. Meine unanständigen Gebete wurden erhört, und ich erlebte einen leicht chaotischen Abend mit Angela Merkel und ihrem Mann Joachim Sauer.

Zu den schöneren Aufgaben eines Regierungssprechers gehört die „Begleitung“ der Bundeskanzlerin bzw. des Bundeskanzlers. Das kann ein Mittagessen mit einem ausländischen Staatsgast im Bundeskanzleramt sein, eine Reise zu einem Altersheim in Neumünster, oder eben die feierliche Eröffnung der großartigen Elbphilharmonie in Hamburg.

Sie stand am 11. Januar 2017 auf dem Programm. In der Woche zuvor wurden die Termine zwischen Regierungssprecher Steffen Seibert, seiner Stellvertreterin Ulrike Demmer und mir aufgeteilt. Schon lange hatte ich mir in der langfristigen Terminvorschau der Kanzlerin diesen Tag rot und dick markiert, denn ich gehe sehr gern in klassische Konzerte. Die Eröffnung dieses so spektakulären neuen Konzertsaals stand für mich ganz oben auf der Wunschliste.

Aber es kam wie es – realistisch – zu erwarten war. Zur Eröffnung der Elbphilharmonie stand nun im Kanzlerinnen-Kalender: „Begleitung: StS Seibert“. Das Leben ist hart, aber als Stellvertreter spielt man eben nur die zweite oder dritte Geige hinter dem Staatssekretär. So ist das Leben. Dieser Traum war ausgeträumt.

Die Wende deutete sich am Montag, dem 9. Januar an: Seibert hatte sich übers Wochenende eine ordentliche Erkältung zugezogen, hustete und prustete vor sich hin. Naja, dachte ich – bis Mittwoch wird er die richtigen Medikamente gefunden haben und wieder so fit sein, dass er wenigstens keine Geräusche macht mit seinem Infekt.

Am Dienstag Abend rief er mich an und sagte: „Richten Sie sich darauf ein, dass Sie eventuell morgen mit nach Hamburg fliegen müssen. Ich kann ja nicht bei einer Live-Übertragung den Saal zusammenhusten. Wir entscheiden morgen nach der Kabinettssitzung.“

Hamburg! Fliegen! Müssen! Diese Zauberworte weckten das Charakterschwein in mir. Ich log ins Telefon, dass es ihm hoffentlich wieder besser gehen möge. Und lag die halbe Nacht wach und betete (obwohl ich gar keiner Kirche angehöre): Lieber Gott, verzeih mir, aber lass Steffen Seibert bitte noch einen Tag husten. Bitte, bitte!

Am nächsten Morgen zog ich mir schonmal sicherheitshalber den besseren Anzug und die bessere Krawatte an und fuhr überpünktlich zum Frühstück mit der Bundeskanzlerin vor der Kabinettssitzung. Bevor ich Steffen Seibert sah, hörte ich ihn schon: Er hustete so schön wie am Tag zuvor. Musik in meinen Ohren. Und schnell war entschieden: Streiter fährt mit. Ja, ich hatte ein sehr schlechtes Gewissen, ich hatte noch nie zuvor jemandem etwas Böses gewünscht. Aber vor meinem inneren Auge leuchtete die Elbphilharmonie wie für den Hund eine riesengroße Wurst.

Es sollte eine denkwürdige Reise werden. Auch der damalige  Bundespräsident Joachim Gauck wurde zur Feierlichkeit in Hamburg erwartet. Deshalb standen auf dem militärischen Teil des Flughafens Tegel zwei Flugzeuge der Flugbereitschaft bereit. Zwei Flugzeuge deshalb, damit bei einem eventuellen Absturz die Bundesrepublik nicht ohne Präsident und Regierungschefin dasteht.

Um 18:30 Uhr sollte in Hamburg der Festakt vor dem Eröffnungskonzert beginnen. Alles live in Fernsehen und Rundfunk übertragen. Punkt 16:45 Uhr startete der Kapitän unserer Global 5000 die Triebwerke. Wir sollten um 17:30 Uhr in Hamburg landen. Vor mir die Bundeskanzlerin. Auf der anderen Seite des kleinen Gangs Professor Joachim Sauer, der Ehemann von Angela Merkel. Weiter hinten der Fotograf des Bundespresseamts und die Sicherheit.

Eine „Global 5000“ der Flugbereitschaft der Bundeswehr. Mit zwei Maschinen dieses Typs wurden Bundespräsident Joachim Gauck und Bundeskanzlerin Angela Merkel getrennt von Berlin nach Hamburg geflogen. – Foto: Bundeswehr/Stefan Petersen

Zunächst alles ganz entspannt. Draußen auf dem Flughafen Schnee und Eis. Das war aber keine Überraschung, denn der Schnee war seit Tagen vorhergesagt und schon den ganzen Tag gefallen. Frau Merkel plauderte mit Herrn Merkel. Herr Merkel plauderte mit Frau Merkel. Und ich guckte zu, wie sich das Ehepaar unterhielt. Durch die Fenster konnten wir auf der einen Seite das Enteisungsfahrzeug, auf der anderen Seite die Maschine des Bundespräsidenten sehen. Aber es bewegte sich nichts.

Um 16:55 Uhr schaute Angela Merkel das erste mal auf ihre Uhr und dann auf mich. Ich schaute auf meine Uhr und dann auf sie. Fünf Minuten später fragte die Kanzlerin freundlich bei der Besatzung, wann es denn losgehen würde. Die Antwort war niederschmetternd ganz nach Berliner Art: Das Enteisungsfahrzeug steht bereit – nur der kurze Weg zu diesem Fahrzeug war nicht geräumt.

Merkel zog kurz die Augenbrauen hoch (ein schlechtes Zeichen!) und versenkte ihren Blick in irgendwelche Unterlagen, die sie plötzlich aus ihrer Tasche hervorgezaubert hatte. Um 17:00 Uhr guckte Merkel wieder auf ihre Uhr. Um 17:05 Uhr wieder, um 17:10 Uhr noch einmal. Ich konnte körperlich fühlen, wie sich ganz schlechte Laune ganz langsam von den Fußspitzen bis zum Hals hocharbeitete. Um 17:15 Uhr war sie dann bis ganz oben gekrochen und kam Angela Merkel über die Lippen: „Wie lange wollen wir denn noch hier rumstehen?“ Und: „So geht das nicht!“

Es ging dann noch bis 17:45 Uhr. Dann war endlich der kurze Weg zum Enteisungsfahrzeug freigeräumt, das Flugzeug äußerlich enteist, jetzt aber innen emotional völlig vereist: „Frau Bundeskanzler, wir starten“ krächzte es kurz aus dem Lautsprecher. Und er Kapitän holte aus den Triebwerken heraus, was ging.

Um 18:30 Uhr – die Live-Übertragung des Festakts startete – landeten wir endlich in Hamburg. Die kleine Auto-Kolonne raste mit Polizei-Eskorte wie sonst nie über gesperrte Kreuzungen durch die Stadt. Mit einer halben Stunde Verspätung erreichten wir die Elbphilharmonie, mussten noch auf den Bundespräsidenten warten, weil der aus Gründen des Protokolls immer als letzter ankommt und als erster den Saal betritt.

Das Elbphilharmonie-Orchester des NDR vor dem Festakt zur Eröffnung der Elbphilharmonie – Foto: Georg Streiter

Es folgten der Festakt mit (zu) vielen Reden und das große Eröffnungskonzert. Zwischendurch zwei Pausen, ein kurzes Live-Fernsehinterview in der Lobby mit der Bundeskanzlerin. Und während die 2200 Festgäste noch gemütlich Häppchen und Gläschen am Eröffnungsabend der Elbphilharmonie genießen konnten, schwebten die Kanzlerin, ihr Mann und ich schon wieder zurück nach Berlin, um nicht übermäßig gegen das dortige Nachtflugverbot (ab 22 Uhr) zu verstoßen.

Trotzdem: Es war natürlich großartig!

Vorn: Angela Merkel und ihre Mann Professor Joachim Sauer. Dahinter tuscheln Wolfgang Schmidt (r.) und ich

Ach ja: Neben der Kanzlerin saß der damalige Erste Bürgermeister der Freien und Hansestadt Hamburg, Olf Scholz. Eine Reihe dahinter: Der stv. Regierungssprecher Georg Streiter und Staatsrat Wolfgang Schmidt, damals Bevollmächtigter der Freien und Hansestadt Hamburg beim Bund. Er war der einzige im Saal, der schon damals fest daran geglaubt hat, dass er in absehbarer Zeit mit Olaf Scholz ins Kanzleramt einzieht. Der eine als Kanzler, der andere als Kanzleramtsminister.

Der Festakt und das Eröffnungskonzert können hier noch einmal gesehen und gehört werden (Drei Teile):

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