Das miese Medien-Spiel mit der Fußball-WM

Zwölf Jahre nach der skandalösen Vergabe der Fußball-Weltmeisterschaft nach Katar am 2. Dezember 2010 entdecken die Medien, dass die Vergabe ein Skandal war. Dabei ist die Skandal-WM auch ein Medien-Skandal. Vor allem ein öffentlich-rechtlicher. Ein mieses Medien-Spiel mit der WM.

Der DFB zeigt „Haltung“: Vor dem Spiel gegen Japan hielten sich die deutschen Spieler die Hand vor den Mund. War ihnen übel?

Jahrzehnte meines Lebens habe ich als Journalist gearbeitet und bin auch heute wieder, nach einem mehrjährigen Ausflug in die Politik, gelegentlich hier wieder journalistisch tätig. Es gab für mich viele gute Zeiten, es gab auch weniger gute Zeiten. Und heute ist mal wieder so weit, dass ich richtig schlechte Laune kriege. Ein früherer Chef von mir kriegte immer „einen Schub“ oder einen „Föhn“. Ich habe jetzt einen Schub und einen Föhn.

Warum? Weil ich viele Beiträge rund um die Fußball-Weltmeisterschaft in Katar für verlogen halte.  

Allein 16 (!) Teile haben die beiden ARD-Serien „Das Netz – Spiel am Abgrund“ und „Das Netz – Prometheus“. Sehr spannende Thriller um finstere Machenschaften im Profifußball. Das cineastische öffentlich-rechtliche Begleitprogramm zur Fußball-Weltmeisterschaft. Total kritisch natürlich.

Direkt zu dieser WM in Katar sendete das ZDF die sehenswerte Dokumentation „Geheimsache Katar“ mit der so schrecklich berühmt gewordenen Aussage des katarischen WM- „Botschafters“ Khalid Salman, der Homosexualität für einen „geistigen Schaden“ hält. Seine Brüder im Geiste halten Frauen für eine „Süßigkeit“, die man lieber verpackt zuhause aufbewahren sollte. Man würde solche Aussagen kaum glauben, wenn man sie nicht sehen und hören könnte.

Die ARD sendete eine vierteilige Doku-Serie mit dem Titel „Katar – WM der Schande“, in der beeindruckend aufgedröselt wir, wie diese WM von der Vergabe über den Bau der Stadien bis zur Eröffnung ein einziger Skandal war und ist.

In dieser Woche war das Hauptthema das „Binden-Gate“: Warum die europäischen Mannschaften der UEFA ihre Kapitäne in Katar mit einer schnell gebastelten „One Love“-Armbinde aufs Feld laufen lassen wollten. Und warum es dann doch nicht dazu kam – weil der Weltfußballverband FIFA nicht nur mit Geld- sondern auch Spielstrafen (Gelbe Karte) gedroht hat.

Mit dieser Armbinde wollte der deutsche Mannschaftskapitän Manuel Neuer fürs erste Spiel auflaufen. Nachdem die FIFA massiv Druck gemacht und mit sportlichen Strafen gedroht hatte, verzichteten der DFB und die Mannschaften der UEFA darauf.

Ja, aufregend. Man muss doch ein Zeichen setzen für die Menschenrechte in Katar! Während Millionen Menschen in der Ukraine von Russland überfallen werden und ohne Strom, Wasser und Nahrung in den Kellern sitzen, ist das für ARD und ZDF die wichtigste Nachricht des Tages. Die Proteste in Iran, bei denen sich tausende mutige Frauen und ihre Unterstützer täglich todesmutig gegen ein krankes Mullah-Regime stellen, sind schon auf den Platz der Kurznachrichten vor dem Wetterbericht abgerutscht.

Natürlich muss in den Spielberichten auch ab und zu mal das Wort „Menschenrechte“ fallen. Da zeigen die Reporter Haltung und zeige den Fernsehzuschauern, dass sie gute Menschen sind.

Ja, und warum rege ich mich auf? Weil das, was ARD und ZDF hier abliefern so grundverlogen ist. Allerspätestens seit dem 2017 an die Öffentlichkeit gekommenen „Garcia-Bericht“ zu Korruption bei der FIFA wissen wir, dass die Fußball-Weltmeisterschaft 2022 durch Korruption in die arabische Wüste kam. Trotzdem haben die beiden Sender 214 Millionen Dollar – ein Schweinegeld – dafür bezahlt, um dem korrupten Weltfußballverband FIFA die Übertragungsrechte abzukaufen. Um damit ein Schweinegeld durch Werbeeinnahmen zu generieren. Gern auch z.B. von der Fluggesellschaft „Emirates“, die in den Vereinigten Arabischen Emiraten ansässig ist, wo „homosexuelle Handlungen“ zum Teil mit der Todesstrafe bedroht sind.

ARD und ZDF verurteilen Menschenrechtsverletzungen in Katar. Das Geld von „Emirates“ nehmen sie gern. Die Fluggesellschaft gehört den Vereinigten Arabischen Emiraten, in denen Homosexuellen teilweise die Todesstrafe droht.

Um es klar zu sagen: ARD und ZDF spielen dasselbe böse Spiel wie die FIFA und täuschen uns edle Absichten vor.

Nein, Fußball – das mag man verabscheuen oder auch nicht – ist ein brutales Geschäft, und unsere öffentlich-rechtlichen Sender mischen da ordentlich mit. Da gibt es nur zwei Alternativen: Entweder ich kaufe mir die Übertragungsrechte und übertrage dann. Oder eben nicht. Man hat immer eine Wahl.

Auf etwas niedrigem Niveau ist natürlich auch meine Lieblingszeitung „Bild“ verlogen – wie sollte es anders sein. Auch hier übt man gern Kritik an den Zuständen in Katar. Gern auch an der deutschen Mannschaft, die sich vor ihrer ersten peinlichen Niederlage nun, warum auch immer, die Hand vor den Mund hielt statt die „One Love“-Binde umzubinden. Man will ja  nicht nur die eher konservativen Leser in meinem aussterbenden Alter erreichen, sondern auch die jungen Leute. Das hindert aber „Bild“ natürlich nicht daran, gemeinsam mit dem wichtigen Anzeigenkunden Lidl ein „Fan-Paket“ anzubieten. Sechs Flaschen „Perlenbacher Pils“ und eine Dose Erdnüsse zum halben Preis – wenn man die „Bild“-Zeitung mit in die Filiale bringt. „Lidl“ dankt mit einer halbseitigen Vierfarb-Anzeige.

So können dann alle zufrieden sein: Journalisten können mit wenig Aufwand edle Gesinnung zeigen. Die Sender und Verlage dahinter sehen ihr Geld gut angelegt.

Der frühere Vorsitzende des Kölner Haus- und Grundbesitzervereins, Hanns Schaefer (Gott hab ihn selig), hat mir vor beinahe 40 Jahren die Geschichte erzählt, dass die katholische Kirche in Köln in grauer Vorzeit die Häuser eines kleinen Straßenzugs an Prostituierte vermietet und daran gut verdient hatte. Da alle Geschichten stimmten, die er mir erzählt hat, gehe ich davon aus, dass auch diese stimmt. Ein weiterer Hinweis darauf, dass Schein und Sein oft nur zusammenpassen, wenn man daran glauben will – ganz doll.

Eine Antwort

  1. „Allerspätestens seit dem 2017 an die Öffentlichkeit gekommenen „Garcia-Bericht“ zu Korruption bei der FIFA wissen wir, dass die Fußball-Weltmeisterschaft 2022 durch Korruption in die arabische Wüste kam. Trotzdem haben die beiden Sender 214 Millionen Dollar – ein Schweinegeld – dafür bezahlt, um dem korrupten Weltfußballverband FIFA die Übertragungsrechte abzukaufen“

    Das hört sich so an, als hättten ARD und ZDF die Übertragungsrechter erst nach 2017 erworben – tatsächlich war das aber schon 2014 der Fall und es war schon damals nicht unumstritten:

    https://www.zeit.de/sport/2014-11/wm-2022-katar-ard-zdf-zustimmung-wdr-rundfunkrat

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