Dauer-Krise bei „Bild“: Wer sagt Mathias Döpfner Danke?

Axel Springer kriegt die Krise bei „Bild“ nicht in den Griff. Verursacht hat sie der Chef persönlich. Wer sagt Mathias Döpfner Danke?

Man mag es gar nicht glauben – aber in der Chefetage der Axel Springer SE gibt es hinter dem Rücken des allmächtigen und geliebten Vorstandsvorsitzenden Mathias Döpfner derzeit nur ein Top-Thema. Nein, nein: Nicht, was jeder normale Mensch erwarten würde. Auf der Kommandobrücke geht es nicht etwa um die untergehende „Bild“. Die wichtigste Frage ist: Was schenken wir dem Mathias zum 60. Geburtstag am 15. Januar?

Axel Springer-Chef Mathias Döpfner. Am 15. Januar 2023 wird er 60 Jahre alt. – Foto: Axel Springer

Dabei wäre noch wichtiger zu diskutieren: Wer sagt Mathias Döpfner Danke? Danke, dass Du aus dem Papierverlag ein internationales multimediales Unternehmen gemacht hast. Aber jetzt bist Du dabei, die größte europäische Medienmarke „Bild“ zu zerstören. Also genauer: Danke, es genügt.

Den Untergang von „Bild“ leitete Döpfner im März 2018 ein, als er – möglicherweise unter einer schweren midlife crisis leidend – sein Alter Ego Julian Reichelt zum alleinigen Chef von „Bild“ machte. Für Döpfner war der kleine Diktator, von manchen als Psychopath wahrgenommen, „halt wirklich der letzte und einzige Journalist in Deutschland, der noch mutig gegen den neuen DDR Obrigkeits-Staat aufbegehrt.“

Die Affäre Reichelt

Döpfner schaute jahrelang weg, als Reichelt seine Macht nutzte, um Sex mit jungen Frauen zu haben. Erst im Frühjahr 2021 wurde der Druck so groß, dass Döpfner Reichelt beurlaubte und ein Compliance-Verfahren einleitete. Das Ergebnis nach vier Wochen: Reichelt wurden zwar „Fehler in der Amts- und Personalführung“ bescheinigt. Aber für Döpfner war der Nutzen durch Reichelts „journalistische Leistung“ größer als der Schaden für die betroffenen Frauen – und setzte ihn wieder ein. Ein halbes Jahr später musste er Reichelt dann doch rausschmeißen, weil der einfach so weitergemacht hatte wie bisher. Und Springer gerade mit der Übernahme von „Politico“ in den USA ins große Geschäft einsteigen wollte. Und die Amerikaner bügeln alles, was mit Sex am Arbeitsplatz zu tun hat, nicht so leichtfertig weg wie Döpfner.

In größter Not machte Döpfner im Oktober 2021 seinen „Chief of Staff“ Johannes Boie zum neuen Chef von „Bild“. Der fuhr das von Reichelt gepflegte chronische Staats- und Regierungs-Bashing zwar deutlich zurück, spaltete aber die „Bild“-Redaktion. Die einen lobten ihn, die anderen verspotteten ihn als „der Konfirmand“. Er ist keine Rampensau des Boulevard-Journalismus und neigte zu falschen Entscheidungen und voreiligen Urteilen. Zuletzt warf er Russland vor, den dritten Weltkrieg zu provozieren, als im Ukraine-Krieg einige Raketenteile auf polnisches Staatsgebiet abstürzten. Als er den Kommentar schrieb, wusste noch kein Mensch, wer diese Raketen abgeschossen hatte – und schließlich stellte sich heraus, dass es fehlgeleitete ukrainische Raketen waren.

Millionen in Bild TV versenkt

Die zweite große Fehlentscheidung von Döpfner war es, Julian Reichelt zu glauben, dass die Zukunft von „Bild“ im Fernsehen liegt. Milionen wurden in das Projekt gepumpt, an die 100 teilweise teure Leute eingestellt, um möglichst viel live im eigenen Fernsehen zu übertragen. Das Problem: Kein Mensch interessierte sich für das „live-haftige“ Programm von „Bild“. Es war auch immer wieder schlecht und schlechter. Die Einschaltquoten waren kaum zu messen, scheiterten hartnäckig an der 0,2-Prozent-Grenze. Und „Bild TV“ scheiterte am Inhalt, denn es ist eben doch nicht so viel los, was den halben Tag live übertragen werden müsste. Das hätte man sich auch vorher denken können, aber unverdrossen ging „Bild live“ im August 2021 auf Sendung. Und außer „Bild“-Fernsehchef Claus Strunz wollte sich auf Dauer niemand das schreckliche Programm schönreden. Nach 15 Monaten zog Döpfner dem Geldvernichtungsprogramm den Stecker. „Bild live“ ist Geschichte. Eine teure Geschichte. Wer sagt Mathias Döpfner Danke?

Den eigenen Mann ins Messer laufen lassen

In der vergangenen Woche nun sollte die taumelnde „Bild“ wieder stabilisiert werden: Der neue Chefredakteur Johannes Boie bekommt einen noch neueren Chefredakteur, Robert Schneider von „Focus“ zur Seite gestellt. Und Boie durfte sich von „Bild am Sonntag“-Chefin Alexandra Würzbach und „Bild TV“-Chef Claus Strunz trennen. So jedenfalls der Plan.

Die Sache kam durch den Branchendienst „Medieninsider“ heraus – offenbar zu früh. In der Redaktion brach das Chaos aus. Am 8. Dezember dann die große Überraschung: In der großen 10-Uhr-Konferenz gab Boie der erstaunten Redaktion bekannt, dass die überaus beliebte Würzbach und der – sagen wir mal nett – überaus selbstbewusste Strunz Mitglieder der Chefredaktion bleiben. Drei Tage zuvor hatte Boie noch in internen Runden verkündet, dass er nicht mehr mit Würzbach und Strunz zusammenarbeiten will.

Am Fuße des Tages steht fest: Döpfners „Bild“-Chef Johannes Boie ist nun – im Journalisten-Jargon ausgedrückt – enteiert. Er kann keine eigenen Personalentscheidungen mehr durchsetzen. Und bekommt einen Co-Chefredakteur zugeteilt, von dem in der Branche gesagt wird, dass er sein Nachfolger werden wird.

Aus dem Drama „Bild“ wird ein Fall Döpfner

So wird aus dem Dauer-Drama „Bild“ ein Fall Döpfner. Denn Boie ist nicht nur der Mann seiner Wahl. Nicht nur als Mentor, sondern auch als Vorgesetzter hat Döpfner eine Fürsorgepflicht. Der wird er nicht gerecht, wenn er seinen Chefredakteur derart spektakulär in aller Öffentlichkeit ins Messer laufen lässt.

Die Probleme von „Bild“ heißen nicht nur Reichelt oder Boie. Das Problem heißt mittlerweile Döpfner.

In jedem Vorstand jeder anderen Firma würden solche Fehlleistungen zu Diskussionen führen. Zum Beispiel, ob man Döpfner vielleicht ehrenhaft zum Aufsichtsratsvorsitzenden machen könnte. Obwohl er 21,9 Prozent der Anteile an Axel Springer hält und über weitere 22,5 Prozent von Friede Springer verfügen darf. Und obwohl Friede Springer ihn zu ihrem Nachfolger ausgerufen hat. Wer sagt Mathias Döpfner Danke?

Die Besitzverhältnisse bei Axel Springer (CPPIB ist der kanadische Pensionsfonds „Canada Pension Plan Investment Board“
Quelle: Axel Springer

Achtung! Spoiler!

Bei Axel Springer gibt es solche Diskussionen offenbar nicht. Da geht es um Wichtigeres, nämlich den runden Geburtstag vom Chef. Und wenn es auch sonst brennt wie nie – wenigstens dieses Problem scheint gelöst. Wie es derzeit aussieht, bekommt Döpfner ein total ausgefallenes Geschenk nach Art des Hauses (Achtung! Spoiler!): Ein digitales Magazin! Wow! Da wird der Mathias sicher überrascht sein und sich ganz ehrlich freuen. Da sagt der Mathias Danke!

4 Antworten

  1. Herr Streiter, im neunten Absatz Ihres Textes schreiben Sie: „Am 8. Dezember dann die große Überraschung …“ Sie meinen tatsächlich den HEUTIGEN 8. Dezember?

  2. Im Frühjahr 2020 habe ich die Stuttgarter Zeitung abbestellt, weil sie über die Pandemie und die Andersdenkenden nicht objektiv berichtet hat – wie so viele der Leitmedien. Die BILD war da nicht besser, warum, wissen wir dank J. Reichelt. Die BILD hat seit einiger Zeit eine Kehrtwendung gemacht und mit Bild TV ein Format mit Viertel nach Acht geschaffen, wo analog zu Servus TV Regierungskritiker zu Wort kommen. Ich war immer eine GEZ-Befürworterin, aber die vergangenen 2,5 Jahre haben mir gezeigt, dass der ÖRR nichts besseres als ein Staatsfunk ist und ich bin nun für Abschaffung der GEZ-Gebühren. Ich kann also Ihre Kritik an BILD TV nicht nachvollziehen.

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