„Rettet“ Tojner deutsche Arbeitsplätze in Vietnam?

Vor zwei Wochen hatte ich hier über den schillernden österreichischen Milliardär Michael Tojner berichtet, der den Augsburger Zulieferbetrieb „Premium AEROTEC“, ein Filetstück des „Airbus“-Konzerns, kaufen und in seine Schweizer Firma „Montana Tech Components AG“ eingliedern möchte. Die Geschichte in meinem kleinen Blog hat große Fahrt aufgenommen. Sehr große. Es wird getrickst, getäuscht und manche würden sagen: gelogen. Es geht um hunderte Millionen Euro und rund 10.000 Arbeitsplätze an fünf Standorten in Deutschland. Tojner verspricht die „Rettung der deutschen Zulieferindustrie“, baut aber zugleich in Vietnam ein Konkurrenz-Werk zu „Premium AEROTEC“ auf.

Der österreichische Milliardär Michael Tojner – Foto: Montana Tech Components AG

Michael Tojner ärgert sich jedes Mal schwarz, wenn erwähnt wird, dass die österreichische Justiz seit dem vergangenen Jahr gegen ihn wegen Betrugs, Untreue und Abgabenverkürzung ermittelt. Dabei geht es nicht um Industrie, sondern um billig gekaufte und teuer verkaufte Sozialwohnungen. Und ja: es gilt die Unschuldsvermutung. Das ändert aber nichts daran, dass er die Justiz an der Hacke hat und bis heute nicht losgeworden ist, bei aller Unschuldsvermutung.

In der Sache „Premium AEROTEC“ wird aber jetzt getrickst. Tojners Kommunikationschef hat sich bei mir gemeldet und betont, es gehe – neben der lästigen Betrugsgeschichte – hier bisher nur um Gerüchte. Und auch der Chef selber hatte zwischenzeitlich Kontakt mit deutschen Medien und sich alle Mühe gegeben, die Angelegenheit „Premium AEROTEC“ herunterzuspielen: alles nur dumme Gerüchte, keinerlei Verhandlungen und auch bei Airbus kein Verkaufsinteresse.

Dem „Spiegel“, der jetzt ebenfalls über die geplante Übernahme berichtet, sagte Tojner zu der von mir veröffentlichten „Montana“-Plänen: „Das ist doch nur eine nicht autorisierte Präsentation.“

Ach ja?

Am 1. Oktober, einen Tag nachdem ich die Sache öffentlich gemacht hatte, bekam ich im Auftrag von Michael Tojner eine Droh-Mail einer großen Rechtsanwaltskanzlei. Ich wurde aufgefordert, meinen Beitrag „unverzüglich“ zu löschen. In der Mail wurde mir u.a. der Vorwurf gemacht: „Des Weiteren verwenden Sie Auszüge einer vertraulichen Präsentation der Montana Aerospace, die Geschäftsgeheimnisse beinhalten.“

Was denn  nun? Nicht autorisiert, aber ein Geschäftsgeheimnis? Da hat Tojner wohl versucht, den „Spiegel“ hinter die Fichte zu führen.

Auch Tojners Behauptung, er habe mit Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier „noch nicht über das Papier gesprochen“, ist vermutlich nur ein halbgares Dementi. Denn im  Bundeswirtschaftsministerium ist die „Montana“-Präsentation bekannt und ein Thema, mit dem sich die Fachebene bereits befasst hat. Die Präsentation datiert vom 1. Juli 2020. Das nur ein Tag nach der letzten öffentlichen Begegnung zwischen dem österreichischen Milliardär und Peter Altmaier. Sie trafen sich am 30. Juni in Ellwangen. Neben Altmaier kamen auch seine Kollegen Nicole Hoffmeister-Kraut (Baden-Württemberg) und Hubert Aiwanger (Bayern) zu Tojner, um ihm Förderbescheide über insgesamt rund 300 Millionen Euro zu übergeben.

Am 30.Juni 2020 traf Michael Tojner (links) in Ellwangen Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU), der einen Förderbescheid des Bundes an den Batteriehersteller Varta überreichte. Nicole Hoffmeister-Kraut (CDU), Wirtschaftsministerin von Baden-Württemberg, und Hubert Aiwanger (Freie Wähler), Wirtschaftsminister von Bayern, überreichten weitere Förderbescheide. Varta erhielt insgesamt 300 Millionen Euro zur Förderung der Batteriezellenproduktion. – Foto: picture alliance/Marijan Murat/dpa

Tojner ist seit 2007 beim maroden Batterie-Hersteller „Varta“ engagiert, zunächst im Bereich Mikrobatterien. 2011 übernahm seine „Montana Tech Components AG“ den Laden ganz. Tojners Einsatz hat sich besonders für ihn selbst gelohnt: Aus einem 40-Millionen-Investment wurde laut „Forbes“-Magazin ein Vermögen von 1,9 Milliarden Dollar.

Das ist ein guter Antrieb, mit Macht nach „Premium AEROTEC“ zu greifen. Nur kurz nach dem Treffen mit Altmaier und seinen Länder-Kollegen wurden die „Montana“-internen Pläne in eine Präsentation gefasst und den Entscheidern in Bayern und Berlin übergeben. Gegenüber der „Augsburger Allgemeinen“ bestätigte ein „Montana“-Firmensprecher, es gebe „eine Gesprächsbasis mit den wirtschaftspolitischen Entscheidungsträgern der Bundesrepublik und der Länder“. Auch mit der Airbus-Konzernspitze tauscht sich Tojner aus, wie ich erfahren habe. Noch in diesem Jahr soll weiter miteinander gesprochen werden.

Vor allem in Bayern schrillen deshalb die Alarmglocken, denn allein am Hauptsitz von „Premium AEROTEC“ in Augsburg stehen etwa 4.000 Arbeitsplätze zur Disposition. In vier Werken werden hier Rumpfteile und hochbelastbare Strukturkomponenten für zivile und militärische Flugzeuge gefertigt und montiert. Das sind im weltweiten Vergleich kostenintensive Arbeitsplätze. Das belastet Airbus, zumal in der Corona-Krise das Flugzeuggeschäft extrem schwächelt.

Um die teure Belegschaft in Deutschland loszuwerden, bietet sich „Montana Aerospace“ geradezu an: In der vietnamesischen Küstenstadt Da Nang, 12.000 Kilometer von Augsburg entfernt, hat die US-amerikanische „Montana“-Tochter „Universal Alloy Corporation“ (UAC) gerade den ersten Bauabschnitt ihrer „Sunshine“-Fabrik in Betrieb genommen. Das Projekt ist „Montana“ so wichtig, dass UAC-Europa-Chef Kevin Loebbaka mehrfach nach Vietnam reiste, um die neue Fabrik in Windeseile auf die Spur zu bringen. Vier Wochen nach Vertragsunterzeichnung mit den Partnern im kommunistischen Vietnam im März 2019 erfolgte schon der erste Spatenstich. Und bereits im Juli dieses Jahres verließen die ersten Produkte das Werk.

„Montana“-Mann Kevin Loebbaka hat in Vietnam Großes vor. „Vietnam News“ zitiert ihn mit den Worten: „Wir wählten Đa Nang als Standort für unser Projekt wegen der Fähigkeiten der Stadt und der Unterstützung durch die lokale Regierung, Ministerien, Universitäten und den Park. … Dies ist unsere erste Produktionsstätte in Vietnam und Asien, die die globale Luft- und Raumfahrtindustrie bedient. Wir werden die Einrichtung in Đa Nang noch jahrzehntelang betreiben. Wir hatten eine Anlage in Kalifornien, die wir 50 Jahre lang betrieben, und wir werden die nächsten 50 Jahre in Đa Nang planen.“ Das klingt nicht nach „Rettung“ für „Premium AEROTEC“, das ist eine klare Kampfansage.

UAC-Chef Kevin Loebbaka bei der Launch-Zeremonie für die neue „Montana“-Fabrik „Sunshine“ am 1. März 2019 in Da Nang
Modell der neuen „Montana“-Fabrik in Vietnam. Die beiden Gebäude oben rechts sind fertig. Dort werden bereits Flugzeugteile produziert. – Foto: Vietnam News Agency/Nguyên So’n

5000 Flugzeugteile aus Aluminiumlegierungen und Verbundwerkstoffen sollen hier nach der kompletten Fertigstellung des Werks hergestellt und über See in alle Welt exportiert werden. 2021 und 2022 soll der Wert der exportierten Flugzeugteile bei 80 Millionen Dollar liegen und bis 2025 auf 180 Millionen Dollar gesteigert werden. Niedrige Steuern und niedrige Löhne in Vietnam versprechen einen guten Gewinn für Tojners „Montana“.

Tojners „Montana“ verspricht die „Rettung der deutschen Zulieferindustrie“, baut aber massiv in Vietnam eine eigene Flugzeugteile-Produktion auf

In erster Linie, das kann man den ehrgeizigen Aktionen in Vietnam entnehmen, geht es also ganz offensichtlich weniger um die „Rettung der deutschen Zulieferindustrie“, wie von „Montana“ behauptet wird, sondern um ein gutes Geschäft für den österreichischen Milliardär Michael Tojner und seine „Montana“ in der Schweiz.

Da ist es dann auch kein Wunder, dass Firmenchef Michael Tojner alle Hebel in Bewegung setzt, um eine positive Stimmung in Deutschland für seinen Traum-Deal zu bewirken. Etliche deutsche Politiker erhalten derzeit Anrufe aus Österreich, auch von österreichischen Politikern. Und ein Berliner Lobbyisten-Büro zur Unterstützung der Milliardärs-Pläne wurde auch schon gefunden.

Wir dürfen sehr gespannt bleiben, ob nicht am Ende als Ergebnis herauskommt, dass die deutsche Kreditanstalt für Wiederaufbau Michael Tojner den Gefallen tut, seiner „Montana“ seinen geplanten Börsengang ganz oder teilweise elegant zu finanzieren. Und nebenbei mit deutschen Steuergeldern Arbeitsplätze in Vietnam fördert.

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