Der „Bild“-Experte für Blaming News

Im Impressum der „Bild“-Zeitung ist Filipp Piatov als Ressortleiter Meinung aufgeführt. Das ist etwas irreführend. Treffender wäre: Experte für falsche oder nicht verstandene Information und Blaming News. Schuld sind immer die anderen. In der heutigen Ausgabe von „Bild“ liefert er – in der gedruckten Ausgabe wie online – einen weiteren Beweis dafür, dass er mit Journalismus eher wenig am Hut hat. Seine Story heute: „Die schlimmsten Fehler vor der vierten Welle – Das Protokoll des Scheiterns.“ In Wirklichkeit könnte man es – je nach Betrachtungsweise – als ein Dokument der Dummheit oder Manipulation bezeichnen. Wie auch immer: es ist nicht in Ordnung.

„Bild“ – gedruckte Ausgabe – vom 29. November 2021, Seite 2

Piatov schreibt über das „Corona-Chaos in Deutschland“, schießt sich auf das Robert-Koch-Institut (RKI) ein und behauptet:  „Das Robert-Koch-Institut (RKI) erklärt, rechtzeitig gewarnt und die richtigen Maßnahmen angemahnt zu haben. Doch BILD liegen Unterlagen aus internen Regierungsgesprächen vor, die das Gegenteil beweisen!“

Und dann greift er RKI-Chef Lothar Wieler beim Thema „Booster“-Impfung persönlich an: „RKI-Chef Lothar Wieler (60) behauptet, schon im Juli zur Auffrischungsimpfung geraten zu haben. Doch Ende Juli zeigte sich Wieler in einer Schaltkonferenz mit Kanzleramt und Ländervertretern skeptisch: Ob die Booster-Impfung wirklich nötig ist, sei völlig offen.“

„Bild“ online am 28. November 2021

Was auch immer Wieler in einer Schaltkonferenz gesagt haben oder der Einflüsterer von Piatov davon verstanden oder aufgeschrieben haben mag: Diese Behauptung von Piatov ist grob falsch.

Denn in einem Papier des RKI mit Datum vom 22. Juli 2021 („Vorbereitung auf den Herbst/Winter 2021/22“) steht auf Seite 2 unter Punkt 3 („Handlungsempfehlungen für die Prävention und Vorbereitung“) unübersehbar:

„Da im Augenblick noch nicht bekannt ist, wie lange der Impfschutz anhält, ist es sinnvoll, zeitnah reagieren zu können. „Booster-Impfungen“ (insbesondere) für Ältere und Risikogruppen sollten jetzt geplant und vorbereitet werden, wie z. B. die ausreichende Bestellung bzw. Bevorratung an Impfstoffen, insb. solche, die für die Boosterung besonders geeignet sind (Wirksamkeit gegen neue Virusvarianten bzw. multivalente Wirksamkeit).“

Das ist genau das Gegenteil von dem, was Piatov behauptet. Und es gehört zum journalistischen Handwerk eines seriösen Journalisten, dass er die Informationen, die ihm irgendjemand gibt, auch auf ihre Richtigkeit überprüft.

In diesem Fall ist das auch kein Hexenwerk, denn das RKI-Papier vom 22. Juli 2021 findet man in wenigen Sekunden. Man muss nur – kleine Hilfestellung – bei Google einmal die Suchbegriffe „rki juli booster“ eingeben – und schwupps wird ein Link zu diesem RKI-Dokument angezeigt. Und zwar nicht irgendwo, sondern ganz oben, bei mir als Link Nummer drei (auf meinem iPad war es sogar der erste Treffer, warum auch immer).

Das RKI-Papier ist für jeden Laien schnell mit Hilfe einer Google-Suche zu finden und abzurufen

Es gäbe sicher auch journalistischere Recherchemöglichkeiten (zum Beispiel einfach beim RKI anrufen oder eine zweite Quelle für die Behauptung suchen). Aber Googeln kann jeder Depp, und jeder Depp findet dieses RKI-Papier – wenn er will.

Aber Filipp Piatov ist natürlich kein Depp. Er ist schlau, manche sagen: superschlau. Einige auch: etwas oberlehrerhaft.

Auch Piatov hatte dieses Papier schon vorliegen. Am 28. Juli 2021 hat er sich darüber im Fernsehsender  „Bild Live“ ausgelassen („Riesenzoff um geheimes Horror-Papier“) und eine völlig andere Meinung als heute vertreten. Das RKI war ihm nicht etwa, wie heute behauptet, zu schlafmützig – sondern viel zu alarmistisch.

Am 28. Juli 2021 berichtete Piatov bei „Bild Live“ selbst über das Papier, das er heute unterschlägt

Piatov vor vier Monaten: „Ich halte das für ein Panik-Papier, und so wie das RKI sich derzeit anstellt, ist das Deutschlands oberste Panik-Behörde. Wir haben gerade eine der niedrigsten Inzidenzen in Europa. Andere Länder erlauben sich Freiheit, trauen sich Freiheit. Schweden, Schweiz, Österreich, Großbritannien. Und wir wähnen uns schon in der vierten Welle und überlegen schon, welche Maßnahmen man noch verhängen könnte, um die vierte Welle einzufangen. … Ich sehe keine pandemische Notlage bei uns. … Unsere Krankenhäuser sind derzeit leer. Sie standen nie vor dem Kollaps und stehen erst recht nicht vor dem Kollaps. … Warum kämpfen wir eigentlich nur noch gegen Corona und nicht gegen jede andere Krankheit der Welt auch? Ich halte das für gefährliche Panikmache.“

Was also macht ein „Meinungs-Chef“ bei „Bild“? Er passt offenbar die Tatsachen der Meinung an, die bei „Bild“ gerade angesagt ist. Das passt großartig zu der grundsätzlich wahnsinnigen Berichterstattung von „Bild“ über Corona. Zuletzt hatte der Blog „Über Medien“ von Stefan Niggemeier Mitte des Monats sehr gründlich darüber berichtet.

Wenn „Bild“ gerade nach dem „Freedom-Day“ schreit und alle Corona-Maßnahmen für mehr oder weniger übertrieben hält, zieht der „Meinungs-Chef“ das RKI-Papier aus der Tasche und brandmarkt es als „Horror-Papier“.

Wenn „Bild“ gerade selbst Alarm machen will und das große Versagen ausruft, unterschlägt der „Meinungs-Chef“ das RKI-Papier und beruft sich auf sich auf sich selbst bzw. seinen geheimen unbekannten Informanten.

Das hat mit Journalismus nichts zu tun. Das ist Manipulation.

Damit kennt Piatov sich aus. Unvergessen sein Frontalangriff auf den Virologen Christian Drosten am 26. Mai 2020 mit der Schlagzeile: „Schulen und Kitas wegen falscher Corona-Studie dicht – Drosten-Studie über ansteckende Kinder grob falsch“. Eine Schlagzeile, die er in seinem Text durch nichts belegen konnte. Eine Schlagzeile, die „Bild“ eine Rüge des Deutschen Presserats eintrug. Begründung: „mehrere schwere Verstöße gegen die journalistische Sorgfaltspflicht.“

Die „Bild“-Schlagzeile vom 26. Mai 2020. Stramm behauptet, durch absolut nichts belegt, vom Presserat gerügt
Auch „Bild“-Schlagzeile vom 16. Februar 2018 wurde vom Presserat gerügt – die „brisanten Mails“ waren eine Fälschung von „Titanic“

Auch die Piatov-Schlagzeile „Neue Schmutz-Kampagne bei der SPD!“ (BILD vom 16. Februar 2018) erwies sich als Rohrkrepierer. Piatov war auf eine nicht besonders intelligente Satire-Aktion der Zeitschrift „Titanic“ reingefallen. Piatov veröffentlichte damals angebliche kompromittierende E-Mails von Juso-Chef Kevin Kühnert, die sich im Nachhinein als Fälschungen entpuppten. Selbst als die Geschichte schon öffentlich in Zweifel gezogen wurde, twittere Piatov noch: „Liebe Kritiker der Kühnert-Titelgeschichte, es handelt sich bei den E-Mails nicht um eine „plumpe Fälschung“. BILD bekam Zugang zur Mail des Informanten. Mehr im Artikel. …“ Der Presserat sah in dieser absurden Story „einen schweren Verstoß gegen das Wahrhaftigkeitsgebot“ und urteilte: „Diese Irreführung der Leser beschädigt Ansehen und Glaubwürdigkeit der Presse.“ Erstaunlicherweise ist diese peinliche Piatov-Story auch heute noch online abrufbar.

Für einen jungen Journalisten ohne journalistische Ausbildung ist das eine erstaunliche Erfolgsstrecke. Und eine Frage der Aufsicht. Jetzt, wo sein Ziehvater Julian Reichelt weg ist, sollte sich vielleicht jemand anderes um ihn kümmern. Sonst nimmt das vermutlich kein gutes Ende.

5 Antworten

  1. Georg Streiter, vielen Dank für die erhellenden Zeilen. BILD fährt nach meiner Beobachtung zur Zeit einen noch schlimmeren Zick-Zack-Kurs als sonst schon üblich. Was macht eigentlich der neue Chefredakteur?

  2. „… jungen Journalisten ohne journalistische Ausbildung …“

    Würde es bei Piatov, der sich so resistent gegenüber Fakten zeigt und es schafft, sich innerhalb weniger Tage selbst zu widersprechen, etwas ändern, wenn er eine journalistische Ausbildung hätte? Ich glaube nicht. Ich glaube vielmehr, dass bei diesem und anderen Typen, die beim Boulevardblatt arbeiten, ideologische Gründe die Basis für das journalistische „Versagen“ sind. Es ist auch kein Versagen. Es ist Agenda, also Absicht. Lüge und Aufregung sind bei diesem Blatt das Geschäftsmodell.

  3. Was für eine unglaubliche Geschichte. „Bild lügt“. Dieser Slogan ist hinlänglich bekannt. Aber das Bild dermaßen skrupellos lügt und dabei die eigenen Falschmeldungen vergisst – welch ein Wahnsinn mit System.

  4. Tja. Aus diesem D…..blatt und der zugehörigen D…..-„Sendung“ zitieren nach wie vor auch andere Medien. Deutschland will das. Piatov musste beim Lügenmedium Nr. 1 aufsteigen, denn andere hatten noch Restanstand im Blut. Ein No-Go in einer derartigen moralischen Senke.

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