Corona bei „Bild“: Egal was, Hauptsache es knallt

Wenn es diesen Blog „Wiedervorlage“ nicht schon geben würde, müsste man ihn spätestens jetzt erfinden, um einmal ganz dezent darauf hinzuweisen, wie die „Bild“ unter Julian Reichelt seit Monaten über die „Corona“-Krise berichtet. Für die Kurzfassung reichen vier Buchstaben: Irre. Es wird beliebig berichtet, Hauptsache es knallt und Merkel ist schuld.

Vorgestern, bevor der Trump-Mob das Kapitol in Washington stürmte, habe ich mal bei „BILD LIVE“ reingeklickt und traute meinen Augen und Ohren nicht. Da stand Jan Wolf Schäfer, Politik-Chef von „Bild“ im Studio und kommentierte die Pressekonferenz von Bundesgesundheitsminister Jens Spahn zum Thema Impfstoff. Und sagte: „Es ist wirklich zu viel Impfstoff da!“

„Bild“-Politik-Chef Jan Wolf Schäfer erklärt am 6. Januar 2021, warum zu viel Impfstoff da ist

Schäfer hat das dann sehr genau – und zutreffend – begründet und erläutert:

„Wir haben ja in Deutschland eine gewisse Impfstoff-Schere. Also bis Ende der Woche sind 650.000 Impfdosen verfügbar … Es gab … bis Ende des letzten Jahres insgesamt 1,34 Millionen Dosen. Wir müssen das immer durch zwei teilen, weil ja jeder Geimpfte zwei Dosen braucht. Das heißt: bis Ende der Woche stehen 650.000 Dosen zur Verfügung. Bisher verimpft wurden aber nur 366.000. Also in der Tat: es gibt noch 300.000 Dosen. Also es könnten heute und morgen noch 300.000 Menschen geimpft werden. Das werden wir nicht schaffen, weil zurzeit pro Tag nur 40.000 geimpft werden.

Das heißt: es ist wirklich zu viel Impfstoff da. Wir hören aber aus Impfzentren, von Pflegeteams: uns ist der Impfstoff ausgegangen. Das heißt, es gibt eine große Schere: zum einen gibt es Impfstoff, der nicht geimpft werden kann, zum anderen fehlt dort, wo er gebraucht wird, Impfstoff. Und das ist natürlich ein auch dann jetzt logistisches Problem, das die Bundesländer ganz schnell in den Griff bekommen müssen.“

Das ist erstaunlich. Sehr erstaunlich sogar. Denn nur wenige Stunden zuvor hatte Schäfers Chef Julian Reichelt einen staatsgefährdenden Impfstoff-Mangel diagnostiziert:

Julian Reichelt am 5. Januar 2021

Wochenlang haben uns Reichelt und sein „Meinungs-Chef“ Filipp Piatov in einer beispiellosen und endlosen Kampagne erzählt: Es ist viel zu wenig Impfstoff da! Und das alles nur wegen einer starrsinnigen Bundeskanzlerin, die Europa über Deutschland stellt und dafür verantwortlich ist, dass viel zu wenig Impfstoff da ist und jetzt 15.000 Menschen sterben werden. Ein tödliches „Impf-Desaster“, für das niemand Verantwortung übernehmen will. Deutscher Impfstoff wird in die Welt verschleudert, während Merkel die Deutschen sterben lässt. Original-Ton Reichelt (in einem zehnspaltigen Kommentar „Wer übernimmt Verantwortung für das Versagen?“ am 22. Dezember 2020): „Wer ist politisch verantwortlich, wenn nicht geimpft werden kann, wer geimpft werden könnte? Bundesgesundheitsminister Jens Spahn? Oder ist es die Bundeskanzlerin, die die Bestellung als große Geste in die Hände der EU legen wollte? Wie kam es dazu? Und was, wenn durch diese Entscheidung Menschen zu Schaden kommen?“

Na klar! Die böse Bundeskanzlerin! Ihre Amtszeit endet zwar im Herbst, aber es wäre doch toll, wenn man sich seinen Herzenswunsch „Merkel muss weg“ ein bisschen früher erfüllen könnte. Also: Ordentlich Druck machen.

„Bild“-Schlagzeile am 31.12.2020: Die Kanzlerin ist an allem schuld!

Zum Beispiel mit „15000 Tote wegen Impf-Trödelei!“ Die hat der Volkswirtschaftler Professor Dr. Paul J.J. Welfens aus Wuppertal prognostiziert. Welfens wurde erst durch „Bild“ als Corona-Experte bekannt und twittert sehr fleißig, um seine Bücher zu verkaufen. Dabei ist er sehr beliebig mit seinen Schätzungen. Am 10. Dezember twitterte er gleich zwei Mal, prognostizierte mal „15000 Tote“, mal „20000“ Tote in der EU. Wo die 15000 in „Bild“ erwähnten armen Menschen sterben, wird nicht weiter erläutert.

Volkswirtschaftsprofessor Welfens guckt am 15. Dezember 2020 in die Corona-Glaskugel

So geht es zum Thema Corona bei „Bild“ nun schon seit fast einem Jahr. Wir schreiben mal dies, mal das – Hauptsache die Nation wird in einem Dauer-Erregungszustand gehalten, der niemandem nützt außer „Bild“. Und jeder, der irgendeine steile oder flache These hat, kann sie via „Bild“ verbreiten.

Beispiel gefällig? Gern: Zum Beispiel „Hygiene-Papst“ Professor Dr. Klaus-Dieter Zastrow. Der hat für alle Lebenslagen Tipps parat, zum Beispiel wie man Corona-gerecht einkauft. Oder der Corona-Gefahr durch Amazon-Pakete entgeht. Und ist ein wahrer Seher: Schon im Mai wusste er: Die zweite Corona-Welle kommt nicht, sie ist ein „Hirngespinst“. Da die zweite Welle aber entgegen seiner Voraussage nun doch gekommen ist, steht der „Hygiene-Papst“ den „Bild“-Lesern aber trotzdem mit Rat und Tat zur Seite: „Gurgeln statt Sekt“ empfahl er zu Silvester.

… und da sehen wir das Hirngespinst am 7. Januar 2021

Kein Wunder, dass Professor Dr. Klaus-Dieter Zastrow von „Bild“ zu „Deutschlands klügsten Corona-Skeptikern“ gezählt wird. Da steht der „Hygiene-Papst“ in einer Reihe zum Beispiel mit der früheren „Bunte“-Chefredakteurin Patricia Riekel. Die ist wirklich sehr nett, aber vorher und nachher nicht so sehr als Corona-Expertin im Gespräch gewesen. Ich glaube, sie versteht von Corona ungefähr so viel wie ich. Aber ich bin natürlich kein Teilnehmer der BILD Live-Sendung „Jetzt reden vier“. Das macht schon einen Unterschied.

8. Mai, „Bild“, Seite 2: Deutschlands klügste Corona-Skeptiker.
Oben links: „Bild“-Corona-Expertin Patricia Riekel. In der Mitte der „Hygiene-Papst“

Vielleicht hat Patricia Riekel („Sie wäre lieber dem schwedischen Weg der Mahnungen statt Verbote gefolgt“) ja Julian Reichelts Ziehkind Filipp Piatov auf die Idee mit den Schweden gebracht. Der ist uns ja noch als fundierter Christian-Drosten-Kritiker in Erinnerung und hat einen Artikel nach dem anderen geschrieben, warum das in Schweden mit dem Corona besser läuft als bei uns. Das sehen die Schweden selbst zwar inzwischen anders –  aber was soll’s.

… am 17. Dezember 2020 verdirbt uns der schwedische König die gute Corona-Laune

So erfahren wir in „Bild“ alles und nichts über Corona. Außer: Die Politiker, ganz besonders Angela Merkel,  sind doof und unfähig und tun nichts, außer uns zu belügen und zu betrügen.

Dass die aufgewühlten, leidenden und genervten Leser, die sich in der Krise Orientierung und Hilfe erhoffen, „Bild“-Chef Julian Reichelt ziemlich egal sind, kann man übrigens wunderbar in der siebenteiligen Dokumentation „Bild. Macht. Deutschland?“ bei „Amazon prime“ sehen. Die startet mit dem Beginn der Corona-Krise und einem dramatischen Appell des Chefredakteurs an seine Truppen: „Es geht darum, dass wir in einer Zeit, in der unsere Auflage morgen um die Hälfte einbrechen kann, eine wirtschaftliche Perspektive haben.“ Exakt das ist es. In Sachen Corona geht es ausschließlich um „Bild“ und nicht seine Leser. Hauptsache irgendwas knallt, damit die Leute auch weiter dranbleiben und zahlen.

Werbung für die Serie „Bild. Macht. Deutschland?“ von „Amazon prime“

Julian Reichelt, der so gern schneidend nach der Verantwortung anderer fragt, wird eines Tages auch einmal die Frage nach seiner Verantwortung beantworten müssen.

22. Dezember 2020: Einer der vielen anklagenden Kommentare von „Bild“-Chef
Julian Reichelt zum Versagen der Politiker im Allgemeinen, speziell Angela Merkel

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