Gabor Steingart und sein „Festival der Niedertracht“

Gabor Steingart, einer meiner Lieblings-Journalisten in der Kategorie „Angeber“ und Meister des verdrechselten Worts, hat sich mal wieder mit den Journalisten angelegt. Diesmal wirft ihnen vor, gegenüber dem gescheiterten Unions-Kanzlerkandidaten Armin Laschet ein „Festival der Niedertracht“ zu feiern. Da ist was dran, und das ist schlimm. Aber noch schlimmer ist, dass ausgerechnet Steingart sich zum moralischen Richter über andere erhebt. Denn die niederträchtigsten Stories über einen Politiker, an die ich mich erinnern kann, hat er selbst geschrieben. Was für ein Heuchler.

Am vergangenen Donnerstag (6.10.2021) holte Steingart in seinem täglichen „Morning Briefing“ zum Rundumschlag aus. Dem „Spiegel“ warf er Entmenschlichung vor, dem „Stern“ mangelnden Anstand, der FAZ Scheinheiligkeit. Er kritisiert die „Süddeutsche Zeitung“, das Magazin „Cicero“ und alle „jene Medien, die sonst gegen die polarisierte Gesellschaft anschreiben und die Existenz der mit Hass gefüllten Filterblasen beklagen“. Die würden nun, nach der verlorenen Wahl, gegen Laschet austeilen – „unterhalb der Gürtellinie“.

Da unten – ganz tief unten – kennt Steingart sich bestens aus.

Im November 2016, als er noch beim renommierten „Handelsblatt“ Herausgeber war, knöpfte Steingart sich den damaligen Präsidenten des Europäischen Parlaments, Martin Schulz, vor. Der hatte seinen Wechsel in die Bundespolitik angekündigt, um sich als möglicher Kanzlerkandidat für die Bundestagswahl 2017 in Stellung zu bringen.

Martin Schulz Kanzlerkandidat? Das empfand der große Gabor offenbar als Hybris und griff in seinem „Morning Briefing“ vom 25. November 2016 in die unterste Schublade:

„Guten Morgen liebe Leserinnen und Leser,

auf vielen Titelseiten wird EU-Parlamentspräsident Martin Schulz, der von Brüssel nach Berlin umziehen will, heute wie ein Erlöser gefeiert. Dass viele Medien diesem im Volk weithin unbekannten Mann — der die Zulassung zum Abitur nicht schaffte, wenig später zum Trinker wurde, bevor er als grantelnder Abstinenzler für 22 Jahre im Brüsseler Europaparlament verschwand — plötzlich die Befähigung zur Kanzlerschaft zutrauen, ist nur mit journalistischer Telepathie zu erklären. …“

Mit der Darstellung von Martin Schulz als ungebildeten Alkoholiker hat Gabor Steingart den Versuch unternommen, nicht nur eine politische Karriere, sondern gleich einen ganzen Menschen zu vernichten. Seine Niedertracht verbreitete er nicht nur in seinem „Morning Briefing“, sondern auch im „Handelsblatt“ auf der Titelseite und in den so genannten sozialen Medien, auf „facebook“ postete er den widerlichen Text gleich zweimal.

Dass Martin Schulz ausweislich seiner Biografie seit dem 26. Juni1980 keinen einzigen Tropfen Alkohol mehr getrunken hat, erwähnte Steingart natürlich nicht. Schulz ist stolz darauf, Steingart unterschlägt es.

15 Monate später – Schulz war mittlerweile Kanzlerkandidat geworden, hatte die Wahl 2017 verloren – setzte Steingart zu seinem finalen Schlag gegen Schulz an. Weil die Jamaika-Koalitionsverhandlungen gescheitert waren, trat die SPD doch wieder in eine Große Koalition mit der CDU/CSU ein. Schulz wollte Außenminister werden.

Am 7. Februar 2018 gab Steingart seinem Morning-Briefing den Titel „Der perfekte Mord“. Und beschrieb, wie Martin Schulz Sigmar Gabriel töten wollte:

„… Der Tathergang wird in diesen Tagen minutiös geplant. Der andere soll stolpern, ohne dass ein Stoß erkennbar ist. Er soll am Boden aufschlagen, scheinbar ohne Fremdeinwirkung. Wenn kein Zucken der Gesichtszüge mehr erkennbar ist, will Schulz den Tod des Freundes aus Goslar erst feststellen und dann beklagen. Die Tränen der Schlussszene sind dabei die größte Herausforderung für jeden Schauspieler und so auch für Schulz, der nichts Geringeres plant als den perfekten Mord. …“

Zwei Tage nach Veröffentlichung dieses kruden Textes reiste der damals 76 Jahre alte „Handelsblatt“-Verleger Dieter von Holtzbrinck nach Düsseldorf und feuerte seinen Herausgeber und Geschäftsführer Gabor Steingart. Die Begründung – erstens: „Differenzen in wesentlichen gesellschaftsrechtlichen Fragen.“ Und zweitens: „Eine, nicht generell, aber im Einzelfall, unterschiedliche Beurteilung journalistischer Standards.“

Gabor Steingart hat daraus offenbar nichts gelernt. Sein „Morning Briefing“ vom Donnerstag schließt mit einem weisen Ratschlag an seine Kollegen da draußen in der Welt, der angesichts seiner eigenen Vergangenheit klingt wie Hohn:

„Der gute Journalist kritisiert, aber er hasst nicht. Er will verbessern, nicht vernichten. Er sei klug und scharf, aber eben nicht gnadenlos. Seine Waffe soll die Feder sein, nicht das Feuerzeug. Der Stichflammen-Journalismus könnte am Ende vieles in Brand setzen, auch die bürgerliche Gesellschaft wie sie einmal war.“

Es ist mal wieder an der Zeit, an den Satiriker Fritz Weigle alias F.W. Bernstein (1938-2018) zu erinnern und dessen offenbar auf ewig gültige Weisheit: „Die schärfsten Kritiker der Elche waren früher selber welche!“

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